Diverse Texte

Sonntags-Zeitung, Grill-Essay vom Mai 2022

Bild Getty Imges

Am Anfang war das Feuer

Warum sich die Herren der Schöpfung am Grill einräuchern lassen. Und schon das Entfachen des Feuers eine Grillzangengeburt ist. – Der Werber, TV-Satiriker und Bestseller-Autor Frank Baumann über ein 32 000 Jahre altes Ritual.

«Was auf den Grill kommt, ist Wurst. Solange es Fleisch ist!», sagen die Karnivoren unter uns. Und die Veganen schwören auf Gemüse. «Weisch, e Peperoni, es Härdöpfäli und es Rüäbli, chli Lauch und echli Chabis, das langet mir total.» Chabis! Der Grill ist keine Gemüseraffel, und das Spiel mit dem Feuer ist, man kann es drehen und wenden wie man will, etwas für Kerle. Und kein emanzipierter Mann (der sich über die Jahrtausende hinweg vom Sammler hin zum Jäger entwickelte) käme freiwillig auf die bizarre Idee, über der Holzkohle einen Blumenkohl zu rösten. Wobei gerade das auf dem Grill zubereitete Broccoli-Steak, so wie es uns der Food-scout Kägi in seinem Buch «Kägi kocht« schmackhaft macht, sehr, sehr lecker ist.

Der Grund, weshalb es die Herren der Schöpfung sind, die sich am Grill einräuchern lassen, ist natürlich nicht der, dass sie Gentlemen sind und ihre Frauen davor bewahren möchten, wie ein Feuerwehrmann nach dem Einsatz zu riechen, nein, es ist ganz einfach der, dass das Spiel mit dem Feuer in den männlichen Genen verankert ist. Dass war schon vor 32 000 Jahren so, als der Jäger mit dem Mammütli auf den Schultern nach Hause kam, das tonnenschwere Teil erschöpft auf den Boden vor der Höhle gleiten liess und mit dem Mineral Pyrit und dem Feuerstein Funken schlug.

Danach genehmigte er sich ein Bier oder etwas Vergleichbares, rülpste laut und machte sich am Grillgut zu schaffen. Die Frau, die derweil den Härdöpfälsalat zubereitete, war ja physisch gar nicht in der Lage, so ein Ur-Elefäntli übers Feuer zu wuchten, es fehlte ihr schlicht an der Kraft. Der simple Grund, weshalb es die Gastgeberinnen nicht an den Grill zieht, findet sich also in der Urzeit und hat sich bis ins Heute gehalten. Ganz egal, ob es sich um einen Kugelgrill handelt, ein grünes Egg oder eine fünfeinhalbtausendfränkige und 340 Kilogramm schwere 20-Zoll-Lokomotive aus dem Hause Cactus Jack.

Apropos Cactus Jack: Höre ich den Namen oder sehe ich die schwarze Heizmaschine in einem Garten oder auf einer Terrasse stehen, holt mich augenblicklich das Gestern ein und ich kollabiere an der mittelschweren Rauchvergiftung, die sich im episodischen Gedächtnis meines Hippocampus festgesetzt hat: Vor mehr als dreissig Jahren moderierte ich den nationalen «Streumi»-Event. Für diejenigen, die keine Ahnung haben: «Streumi» ist das Gewürz, das man beim Metzger kauft. Anyway, es war ein eiskalter Tag im Herbst und es rückten 300 muntere Metzger in kurzärmeligen weissen Hemden, begleitet von ihren 300 aufgebrezelten Metzgersgattinen, freudestrahlend im solothurnischen Schönenwerd an.

Auf dem Programm standen allerlei Showblöcke plus die mit «Streumi» gewürzten fleischlichen Köstlichkeiten. Bereits als der damalige «Weltmeister im Grillieren» (ein untersetzter Mann ohne Hals) seine rund ein Dutzend «Cactus Jack»-Lokomotiven anwarf, erlaubte ich mir die scheue Frage, ob das eine schlaue Idee sei, indoor zu grillieren und ob man nicht gescheiter draussen feuerwerken wolle. Der Mugel (halb Mensch, halb Kugel) winkte ab und meinte, er habe nicht nur keine Bedenken, sondern sei schliesslich Weltmeister. Wenige Minuten später – beissender Rauch hatte die grosse Fabrikhalle der ehemaligen Schuhfabrik Bally geflutet, und keiner konnte niemanden erkennen, weil niemand keinen mehr sah – trat der Rauchgasspürer der lokalen Feuerwehr ans Mikrofon. Mit Verweis auf sein Rauchgasspürerspürgerät befahl er die sofortige Evakuierung der Halle, worauf 300 muntere Metzger ihre 300 aufgebrezelten, auf gewagt hohen Sandaletten-Stögis balancierenden und in luftigen Spaghettiträger-Kleidchen bibbernden Walküren nach draussen in die eisige Kälte begleiteten, wo man endlos wartete, bis die Halle gelüftet war.

«Kein emanzipierter Mann käme freiwillig auf die bizarre Idee, über der Holzkohle einen Blumenkohl zu rösten.»

Klar, mit Elektrogrills wäre es nie soweit gekommen – bloss, wer benutzt schon einen Elektrogrill? Aber gibt es etwas Unerotischeres, etwas Beschämenderes, als kostbares und liebevoll gewürztes Fleisch auf eine leblose Metallplatte zu legen? Nein! Gegrillt wird auf Gas oder noch besser auf richtiger Glut. Oder auf einem Original-Feuerring. Ausser darauf sitzen, wenn er glühend heiss ist, kann man auf einem Feuerring praktisch alles machen. Ganz egal, ob Fleisch oder Fisch, Gemüse, Früchte oder Pizza. Leider hat die in Immensee kunstvoll geschmiedete Halbkugel auch ihren Preis. Wobei das Schlimmste nicht mal die Kosten für die Anschaffung sind (die sich im Bereich eines Kleinwagens bewegen), sondern die schiere Tatsache, dass der Anfänger nach den ersten Versuchen wie einer riecht, der von einem spektakulären Indoorgrillfest kommt, an dem ein Weltmeister burnoutete.

Tja, grillieren will gelernt sein. Und das fängt nicht erst bei der sorgfältigen Auswahl des Grillgutes und der Holzkohle oder des Holzes an, nein, ganz entscheidend ist auch, wie das Feuer bzw. die Glut entfacht wird. Selbstverständlich wird immer von oben nach unten gearbeitet. Nur Pfadfinder und Brandstifter zünden von unten her an – Könner legen das Anzündmittel aufs clever geschichtete Holz obendrauf. Die minutiöse Anleitung und alles, aber auch wirklich alles zum Thema Fällen, Hacken und Feuermachen findet sich übrigens im sehr empfehlenswerten Spiegel-Bestseller «Der Mann und das Holz». Das absolut unironische Werk ist ein Klassiker, und wer früher ein Taschenmesser in der Tasche hatte, wird nach der Konsultation dieser ebenso informativen wie unterhaltsamen Holzbibel eine Axt mit sich herumschleppen.

Klar, für Ungeübte ist allein schon das Entfachen des Feuers eine Grillzangengeburt, weshalb sie gerne zu Anzündwürfeln oder Brandbeschleunigern greifen. Aber bissoguät, tut dies nicht. Das Feuermachen, wie überhaupt die gesamte Grillerei, ist ein kunstvolles Ritual, ein Stück Kultur, was schon mal ausschliesst, dass man einen wackeligen Einweggrill mit 500 Gramm Kohle und Anzünder aufstellt, bei dem das Fleisch, die Wurst oder das Gemüse letztlich nach Petroleum riechen. Nein, das würdevolle Grillieren ist eine Frage des Stils.

Brötäln braucht Geduld, und Musse – das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Und zur Not fängt man halt schon drei, vier Stunden vorher an, trinkt ein paar Bierchen oder mehrere Flaschen Wein und philosophiert mit sich selber über Gott und die Welt, bis die Zunge schwer wird und man, wenn die Gäste endlich eintrudeln, rein von der Sprachentwicklung und der Artikulation her, schon mal irgendwo zwischen Indogermanischem und Bronzezeit angekommen ist.

Das Bier gehört zum Grillmeister wie der Henrystutzen zu Old Shatterhand. Für jene, die den nicht mehr kennen, das war der Brudi von Winnetou, dem von Pierre Brice verkörperten Häuptling der Apachen. Shatterhand verliebte sich unsterblich in Winnetous Schwester Nscho-tschi (gespielt von Maria Versini, die sich ihrerseits später in soften Sexfilmen flach legen liess wie ein Kalbspaillard). Privat war Lex Barker, so hiess der Trapper in Wirklichkeit, zu jener Zeit mit einer Schweizerin verheiratet. Und jetzt kommts ganz dick: Auf dem Fahrrad von Lex Barkers Schwiegervater habe ich damals velölen gelernt! Old Shatterhands Sohn aus erster Ehe war nämlich mein Kindergartenfreud. Und das Herrenvelo hatte diese typische Querstange, unter der hindurch wir uns auf die Pedalen des Drahtesels verrenkten. Dies, während im Garten eifrig auf einem simplen Rost grilliert wurde. Und klar, ums Flammenmeer standen Cowboys. Und Bierflaschen. Und die Squaws wirbelten zwischen Küche, Gartentisch und Badezimmer hin und her und verarzteten unsere aufgeschürften Knie. All das tun Mütter hundertmal lieber als am Rost zu schwitzen, über GPU-Kerne, VAR beim Fussball oder den italienischen Dell’Orto-Rundschieber-Vergaser zu philosophieren, der mittlerweile zu den Klassikern unter den Custom-Vergasern für Harleys gehört und besonders bei den Panhead- und Shovelhead-Fahrern eine treue Fan-Gemeinde gefunden hat.

2 make 1 long story short: Grillieren ist der Inbegriff des Mannseins und gleichzeitig Zen-Meditation mit Verantwortung. Grillieren ist Abenteuer pur und Kontemplation in einem. Der absolute Höhepunkt ist allerdings das Grillieren ohne Grill. Zunächst entfacht man ein mörderisches Feuer, lässt es runterbrennen und legt dann das Mammütli oder Rindsfilet knallhart direkt in die weisse Glut. Beobachtet und wendet es alle drei, vier Minuten, bis es die gewünschte Garstufe erreicht hat. Also exakt so, wie man das schon vor 32 000 Jahren gemacht hat, als sich das Weib in der Höhle um den Kartoffelsalat kümmerte – und der Mann ums Wesentliche.

Golfsuisse Kolumne vom Mai 2017

Frau Muggli und die Umstandsmode

Frau Muggli hat jetzt noch einmal betont, dass sie sich immer wieder frage, wie es sein könne, dass so viele Golfer im Frühling so mies gekleidet daherkämen. Und sie rede da im Fall nicht einmal von jenen ewiggestrigen Mössiös, die noch immer mit den legendären 7/8-Caprihosen über die Fairways stolperten und im Sandbunker aussähen wie der gestrandete Robinson Crusoe auf seiner abgelegenen Insel im Mündungsgebiet des Orinoco. Und wenn das innovative Hightech-Poloshirt auf Titanbasis (mit Drainagewirkung) auch noch auf dem Bierbauch klebe wie das K33-Haarteil auf der Glatze, wenn der arme Mann aussehe wie einer, der mit der Vespa angereist sei und nun den Töffelm unter dem Leibchen versteckt halte, dann höre bei ihr einfach der Spass auf.

Ganz interessant nde sie übrigens auch, wie sich einige Golferinnen nicht mehr spürten und entsprechend stilistisch vergriffen. Sie selber, die sie noch nie mit einem Topmodel verwechselt worden sei, halte sich, was die Wahl des Outfits anbelange, ja eher zurück. Klar, bei einer LPGA-Proette mache sich ein knappes Röckchen in der Regel super. Aber das liege halt auch an den Schienen. Dass man auf der Tour praktisch keine hässlichen Entlein sehe, sei kein Zufall, denn wer wie eine wabbelnde Wurstwarenverkäuferin aus Sollodurn, eine Naturheilerin von der Hondwiilähöii oder eine Traktoristin aus einem vormals volkseigenen Betrieb im Raume Zwickau-Ost daherkomme, finde ganz einfach keine Sponsoren. Da könne die Kleine dann noch so gut sein. Die Spitze der Spitzengolferinnen sei heute so breit, dass es sich die Industrie bequem leisten könne, in erster Linie die Damen rauszupicken, die Einschaltquoten garantierten.

Leider sei es auf unseren Golfplätzen aber oftmals so, dass sich just jene Ladies, die von der Konstruktion her eher in ihre Richtung tendierten, bekleidungstechnisch völlig schmerzfrei benähmen. Vor allem auch, was die nicht selten verzweifelten Farbkombinationen und gewagten Muster anbelange.

«Können Sie mir erklären, wie es möglich ist, dass sämtliche sozialen und gesellschaftlichen Sicherheitsmechanismen, sämtliche Fallschirme und Notbremsen versagen und den armen Tröpfen gopferteli niemand sagt, dass sie auf einem Golfplatz seien und nicht an der Streetparade?» Nein.

Frau Muggli, inzwischen zur Höchstform aufgelaufen, machte nicht nur die unbegabten Designer für den «Irrsinn» verantwortlich, sondern auch das skrupellose Personal an der Verkaufsfront.

«Ich meine, das Fröilein müsste doch HALT rufen, wenn die Kundin aus der Umkleidekabine trohlät! Aber nein, der Umsatz ist halt wichtiger als die Unwucht!»

Ja und zu Hause komme dann die Familie, die Partnerin oder der Partner ins Spiel. Keiner getraue sich, die «Meinst du das ernst?»-Frage zu stellen, den Mahnfinger hochzurecken und freundlich, aber bestimmt zu kommunizieren, dass das Teil, um es mal sehr positiv zu formulieren, «irgendwie suboptimal» aussehe.

Es sei halt schon so, wie der Herr Bligg in seinem Hit «Manhattan» singe: «Modä cha’ mer chaufe, aber Stil, das mues me ha …»


NZZ-Kolumne, 2015

Newsletter sind für die Katz

Wer etwas auf sich hält, gibt einen Newsletter heraus. Und so werden unbescholtene Bürger tagtäglich von einer Welle nutzloser Nachrichten überrollt. Eine kolossale Zumutung, findet Frank Baumann 

Früher, da hatte man noch Zeit und konnte es sich leisten, im Büro einer sinnvollen Arbeit nachzugehen. Heute ist die Arbeit am Computer eine einzige Zumutung, und ohne Beruhigungstee oder homöopathische Notfalltropfen geht gar nichts. Wer kennt das nicht: Man öffnet die Mailbox, und schon zieht sich einem der Magen zusammen – Newsletter! Nicht schon wieder!
Hand aufs Herz: Kennen Sie jemanden, der Newsletter liest? Ich schätze, die meisten dieser penetranten Werbebriefe werden reflexartig gekübelt. Newsletter sind so unsympathisch wie die Zeugen Jehovas an der eigenen Haustür. Und jeder Franken, der in ihre Herstellung investiert wird, ist ungefähr so sinnvoll ausgegeben, wie wenn man die Besatzung der Amundsen-Scott-Südpolstation mit Trockeneis beliefern würde. Von der wirklich sehr verdienstvollen Susy- Utzinger-Stiftung für Tierschutz erhielt ich heute zum Beispiel den «Animal Flash»- Newsletter mit dem Bild der Woche: «Glückliches Huhn aus unserer Legehennenaktion». Allerliebst. Als bekennender Nichtveganer und grosser Freund von Jamie Olivers Beer- Can-Chicken finde ich zwar alles, was mit glücklichen Hühnern zu tun hat, sehr prima. Trotzdem springe ich im Viereck, wenn ich unaufgefordert Mist auf den Bildschirm geschippt bekomme. Sorry, Susy.

Da nützt dann auch «das neue Kacheldesign » von eventlokale.ch nichts, das durch «Ästhetik und Übersichtlichkeit» besticht und dessen «dezente Farbtöne den Anspruch nach Premium-Qualität» unterstreichen. Was mag der Autor der aufgeplusterten Botschaft damit nur gemeint und was zu sich genommen haben, bevor er die geschwurbelten News in die Tasten getöggelet hat? «Dezente Farbtöne unterstreichen den Anspruch nach Premium-Qualität.» Hä? Egal, denn schon kommt die rechte Maustaste ins Spiel, und ab geht es in den Spam-Ordner. Das sogenannte Newslittering, das gebetsmühlenartige Wegschmeissen von Newslettern, ist  zu einer zeitintensiven Beschäftigung geworden, und schon bald werden wohl die ersten diplomierten Newslitterer (Masterstudiengang!) ihre Arbeit aufnehmen. Nein, ohne akademischen Abschluss geht es leider nicht. Es braucht – nebst Instinkt – eine profunde forensische Ausbildung, um die winzigen, nicht selten raffiniert versteckten «Unsubscribe »-Links zu finden, welche die Post abbestellen sollen. Aber hat man den Kniff erst einmal raus, läuft es wie geschmiert, und man wird richtig süchtig nach der filigranen Sisyphusarbeit. Und das Tolle daran: Das Vergnügen ist endlos.

In immer kürzer werdendem Takt finden neue Mitteilungen den Weg in den Briefkasten, steht man vor einem Berg neuer Herausforderungen. Pro Abmeldung flattern gut und gerne, und vor allem quasi reflexartig, zehn neue Angebote in die Mailbox. Und schneeballsystemmässig geht es dann weiter. Oder um es frei nach Goethes Ballade vom Zauberlehrling zu sagen: «Die Geister, die ich nicht rief, werd’ ich nun nicht los.» Tag für Tag bekommen wir Newsletter, die wir nicht abonniert haben, die wir nie im Leben abonnieren würden. Ja klar, wir werden alle getrackt. Jede Mausbewegung, jeder Klick wird im Hintergrund registriert und von Unternehmen gesammelt, die darauf spezialisiert sind, unsere Daten teuer an Werbetreibende zu verkaufen. Das ist nichts Neues. Bloss, warum werden wir dann mit Angeboten bombardiert, die uns nicht die Bohne interessieren?

Besonders originell sind die tolldreisten Stehaufmännchen von microspot.ch, die mich trotz x-facher Abmeldung immer wieder aufs Neue bemailen. Mithalten können da bestenfalls die Amerikaner von HP Business Promotions. Oder eben die Aargauer von eventlokale.ch. Beiden ist es offensichtlich piepegal, ob und wie oft man sich abmeldet. Obwohl ich mich kategorisch weigere, in einem Laden oder beim Check-in in einem Hotel meine E-Mail-Adresse bekanntzugeben, werde ich mit Aktionsangeboten belästigt. Du buchst einmal einen Flug nach Wien oder Hamburg oder wohin auch immer, und – zack – wird eine Lawine an Newsletter losgetreten. Unsere Tochter bestellte einmal etwas bei Zalando. Unglücklicherweise von meinem Computer aus. Gute Nacht, Frau Seeholzer! Jesses, was habe ich da schon eins gerechtemaustastet!

Der Meister der Müllbemailung ist übrigens ein Schweizer namens Ursus Dändliker. Unter Anwendung verschiedenster Kniffs schleicht er sich seit Jahren offenbar in prominente Mailboxen – von TV-Direktor Ruedi Matter über Jean Ziegler bis hin zu «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Felix E. Müller oder Bundesrätin Doris Leuthard – und verschickt von da aus seine Post. Den letzten Newsletter bekam ich allerdings nicht von diesem verhaltensoriginellen Zeitgenossen, sondern – und da traf mich nun wirklich schier der Schlag – von meiner eigenen Firma! Heilandzack! Selbstverständlich habe ich ihn sofort genewslittert.


NZZ-Kolumne, 2014

Das E-Bike ist der Range Rover der politisch Korrekten

Ihren Status signalisieren aufgeklärte Kreise heutzutage gerne mit teuren und klobigen Elektrovelos. Das ist sowohl sicherheitstechnisch wie ästhetisch eine einzige Zumutung, findet Frank Baumann

Eine Frage: Haben Sie schon mal einen Velokurier auf einem E-Bike gesehen? Nicht, gell? Eben! Und warum nicht? Weil sich kein richtiger Mann jemals auf so ein unsägliches Teil schwingen würde. Nein, der richtige Grossstadtcowboy reitet einen Stahlesel vomTyp «Fixie», ein Singlespeedvelo mit nur einem Gang und ohne Bremsen. Und stellen Sie sich jetzt doch bitte einfach mal vor, Sie würden von einem halbseitig tätowierten, rundumgepiercten, vollbärtigen Velokurier auf einem E-Bike überholt. Also bitte!

Nein Freunde, das E-Bike geht eigentlich gar nicht. Weder auf dem Land noch in der Stadt. Hinzu kommt, dass es in der Regel vor allem von jenen Leuten gelenkt wird, die das nicht sollten, weil sie es nicht können. Von linksliberalgrünalternativbürgerlichen Politikern im Wahlkampf also, von gewaltbereiten Alten, von Managern und föhnfrisierten, mit allerlei Implantaten ausgestopften gestopften Goldküstentussis. Früher war es der Range Rover, mit dem man Status signalisierte, der Porsche Cayenne oder die 1340er- Harley-Davidson. Seit derartige Fahrzeuge vornehmlich von Drittliga-Fussballern, von Banklehrlingen und Erfolgsautoren gelenkt werden, satteln immer mehr Damen (aber auch Herren) von Welt aufs E-Bike um. Ein komplett lächerlicher, postpubertärer Move, wenn wir ehrlich sind.

Die Stromfresser gehören übrigens zur Kategorie der Motorfahrräder. Früher sagte man Töffli. Die vergoldete Frau Dr. fährt jetzt also mit dem Töffli zum Poschten. Goldig, gell? Man unterscheidet bei den E-Bikes zwischen langsameren, jenen also, die nicht stärker sind als 500 Watt und maximal 25 km/h schnell fahren, und den schnelleren, die bis 1000 Watt auf die Strasse bringen und erst bei 45 km/h abgeregelt sind. Wer mit so einem Ding durch die Tempo-30-Zone surrt, ist mit einem Fuss also praktisch bereits im Knast. Die dritte Kategorie ist jene der gepimpten E-Bikes. Meist handelt es sich um affig teure, aus Kalifornien importierte Göppel, die dann auch so aussehen, als gehörten sie Brad Pitt. Im Gegensatz zu den minimalistischen Designkunstwerken machen sich herkömmliche E-Bikes denn auch aus wie Militärvelos oder Behindertenfahrzeuge. Überhaupt dünkt mich, dass die meisten handelsüblichen Geräte noch immer von weitgehend stilbefreiten Elektroingenieuren, Gewerbeschullehrern oder Dorfmetzgern entworfen werden. Andererseits passen die unerotischen Fahrzeuge dafür auch bestens zu Atemtherapeuten, Veganern und Verkehrsplanern. Zu zeitlos Unbedarften also, die sich krampfhaft als Trendsetter zu positionieren versuchen.

Wer einen Blick in die Zukunft werfen möchte, sollte mal den Ausdruck «E-Bike Concept» googeln. Da findet sich dann der eine oder andere Entwurf, der mit den Vehikeln, die wir auf unseren Strassen sehen, nicht wirklich viel zu tun hat. Aber ja, klar, das Design eines E-Bikes ist natürlich eine Herausforderung, logisch. Auf die Statik muss Verlass sein, die Batterie und der Motor müssen irgendwie angebracht werden. Die einen verbauen den Motor in der Vorderradnabe, die anderen in der hinteren und einige als Mittelmotor im Tretlager. Ein E-Bike ohne Pedale ist übrigens wie ein Cowboy ohne Colt oder eine Anästhesiekrankenschwester ohne Sommersprossen: undenkbar! Schliesslich unterstützt das Motörli ja lediglich und arbeitet drum auch nur dann, wenn jemand pedalt. Und das ist grad ein weiteres Ärgernis. Die E-Biker strampeln nicht wie die normalen Gümmeler, wenn es über Oberalp, Furka und Grimsel oder sogar hinauf auf die Alpe d’Huez geht. Nein, sie genusscruisen. Nicht selten in provozierender Zeitlupe, während sie die seichnassen armen Schlucker am Berg stehenlassen.

Besonders erheiternd ist es, den E-Bikern zuzuschauen, wenn sie sich durch den Morgenverkehr oder die mit allerlei Schikanen beruhigten Wohnstrassen schlängeln. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der eine oder andere die Verzögerung zwischen «Nicht mehr Pedalen» und «Kein Tempo mehr drauf haben» unterschätzen und es ihn so richtig königlich auf den Latz haut. Schürfungen, Quetschungen, gebrochene Joch-, Schlüssel- und/oder Wadenbeine sind keine Überraschung. Amhäufigsten aber trifft es die Kopf-Hals-Region. Bei mehr als der Hälfte aller schweren Personenschäden handelt es sich laut der Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung um Schleuderoder Selbstunfälle. 80 Prozent aller schwerverletzten oder getöteten E-Biker sind über 45 Jahre alt.

Als eine der häufigsten Unfallursachen wird das Unterschätzen der Geschwindigkeit des E-Bikes genannt. Ich würde jetzt mal sagen, für ältere Menschen, deren Reaktionszeit naturgemäss ja verlangsamt ist, eignet sich das elektrifizierte Funtool eher weniger. Aber der E-Rollator, der wäre vielleicht eine Alternative.


NZZ am Sonntag, 2005

«Mit Fädärä vo totä Tier»

Die Schweizer Fernsehwerbung wird vierzig. In Erinnerung geblieben sind nur wenige Momente. Die grössten Meisterwerke entstanden, wenn am wenigsten Aufwand betrieben wurde. Von Frank Baumann

Vor vierzig Jahren wurde also das Werbefernsehen erfunden. Damals war ich sieben und kann somit nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Meinen ersten Werbespot bekam ich, das kommt noch dazu, erst vier Jahre später (Mondlandung) zu sehen, weil sich mein Vater bis dato hartnäckig weigerte, grundlos ein Fernsehgerät anzuschaffen. Tatsächlich durfte ich damals auch nur in sorgfältig ausgewählten Zeitfenstern «gaffen», weil Fernsehen, insbesondere der Konsum von Werbesendungen, als extrem gesundheitsschädigend eingestuft wurde.

Selbstverständlich schritt ich trotzdem unverzüglich zum Selbstversuch und zog mir von Stund an – wann immer meine Eltern nicht vor Ort waren – hemmungslos rein, was aus der Kiste rauskam. Ein, rückblickend gesehen, bedauerliches Verhalten. Denn meine Eltern hatten richtig vermutet. Übermässiger Konsum von Fernsehwerbung führt zu Persönlichkeitsveränderungen.

Auf die Lippen küssen

So wurde ich denn auch nicht, wie von mir geplant, Astronaut oder Schönheitschirurg – oder, wie meine Eltern sich das wünschten, Rechtsanwalt -, sondern Werber. Die Ausbildung zum Werber ist relativ einfach. Sie führt in der Regel via Schulabbruch (nach der 6. Klasse) und Coiffeurlehre in eine renommierte Grossagentur. In keinem anderen Beruf liegt das Ziel so nahe. Das dürfte auch ein Grund für die Misere im heimischen TV-Spot-Schaffen sein. Wobei hier – gewissermassen als Tranquilizer – eingeschoben sein soll, dass es in der Schweiz sehr wohl geniale TV-Werber gibt. Aber es gibt halt leider auch die anderen. Jene aufgetakelten Werbehuren, die sich vom Kunden für wenig Geld auf die Lippen küssen lassen.

Womit wir beim eigentlichen Problem der Werbung sind. Das Problem sind nicht die Werber, es sind die Kunden. Kunde kommt von «chunt», wie «chunt nöd drus», zumindest in neun von zehn Fällen. Kein Wunder also, ereignete sich in den letzten vierzig Jahren so wenig Werbung, die aussergewöhnlich gut ist. Werbung, die aus dem Sumpf kondensierter Belanglosigkeit herausragt, die uns in bester Erinnerung bleibt. Wie soll man unter diesen Umständen Spots drehen, die nicht nur schrill und schräg, witzig oder verblüffend sind, sondern auch geistreich und nachhaltig? So also, dass jedermann weiss, um welches Produkt es sich handelt? Noch immer leben die Auftraggeber in der irren – vom nackten Selbsterhaltungstrieb gesteuerten – Meinung, dass der Werbefilm vor allem dem CEO und seiner Frau, der Marketingplanerin und ihrem Lover gefallen muss. Kein Wunder, sind es immer die gleichen Argumente, mit welchen Kreativität gekillt wird. «Zu teuer.» «Das Firmenlogo muss grösser sein und die Adresse, die Telefonnummer und www.knuesterliundsohn.ch müssen auch noch rein.» Oder das beste Argument von allen: «Ein solcher Spot ist viel zu auffällig.» Erschreckend eigentlich, mit wie vielen schlecht ausgebildeten Menschen sich nicht ausgebildete Werber rumschlagen müssen.

Für mich als Werber etwas bestürzend ist die Einsicht, dass die Lösung dieser Misere nicht bessere Werbe- Ideen und unbeschränkte Budgets sind, sondern die Kunden selber machen zu lassen oder wenigstens dafür zu sorgen, dass es aussieht, als hätten sie alles selber gemacht. Was Do-it- yourself-Werbung leistet, zeigt das Lokalfernsehen. Die wahren Highlights der letzten vierzig Jahre TV-Werbung sind scheinbar ohne jegliche Werbeberatung entstanden. «Kenny’s Autocenter», «Möbel Hubacher» oder Monika Kaelins «Werden Sie Superstar im Weindegustieren». Spots, die billig sind, schlecht, aber unvergesslich.

Getoppt werden derartige Preziosen einzig vom «Bettwarä Fischer vo Wädischwiil». Das ist der mit den «Fädärä vo totä Tier!». Grossartig. Eine Mischung aus Vico Torriani, Hans A. Traber und Beni Thurnheer. Ein Gesamtkunstwerk. Rasend, wie er in seiner weissen Arbeitsschürze vor der Daunenschleuder steht und uns den Produktevorteil seiner gerupften «Fädärä vo totä Tier» preist. Authentischer geht es nicht.

Sieg des Individuums

Der «Bettwarä Fischer vo Wädischwiil» ist der grandioseste Botschafter bürgerlicher Normalität seit Paul Spahn. Er zelebriert die Fernsehreklame in ihrer ureigensten Form. Ein Mann, ein Produkt, ein Versprechen, Ende. Ein bisschen so wie seinerzeit der griesgrämige Hermann Zürcher «vo Bassersdorf» und die «Bicoflex»- Jungs. Sie alle sind die wahren Helden der Fernsehwerbung. Diejenigen, die den kommunikativen Sieg des Individuums über die Marketingverantwortlichen der Grosskonzerne errangen. Über jene Konzerne, die sich an endlosen Sitzungen mit gelackten Werbeschwuchteln und handyfonierenden Pradatussis so lange zermürbten, bis das Ergebnis der Werbemillionen ein Spot ist, der, wenn er Glück hat, einen Preis gewinnt, aber garantiert keiner Sau in Erinnerung bleibt.

Wie angenehm hebt sich da dieser Bettwarenheini ab, der, zwar etwas hölzern, aber dafür schlicht und einfach sagt, was er zu verkaufen hat. Keine komplizierten Kameraeinstellungen, keine Südseeromantik und keine silikonisierten Topmodels in knappen Bikinis. «The product is the hero», «Mit Fädärä vo totä Tier». Es lebe die Fernsehwerbung.


Weltwoche Kultur, 2003


Das hält keiner aus!

Aus einem Kartoffelsack kann man keinen Bundesrat machen: aber Kunst ist Kunst. Jetzt geht die Kultursaison wieder los. Hilfe.

Die Dame, die mir ihren feuchten Muratti-Atem in den Nacken haucht, ist die Gattin eines bekannten Kulturfreundes aus der Zentralschweiz. Während er in seinen rahmengenähten Alden-Schuhen mit beiden Füssen fest auf dem Boden steht, schwebt ihr ausgestopfter Kunstbusen (dem Dach des KKL, des Kultur- und Kongresszentrums Luzern, gleich und somit der Gravitation ein Schnippchen schlagend) in einer atemberaubenden Konstruktion aus 92 Prozent Polyamid und 8 Prozent Elasthan gesamtkunstwerkmässig durchs Publikum.

Draussen nieselt der Regen, und in der Künstlergarderobe packt die international bestens bekannte Klarinetten-Professorin Sabine Meyer ihr Instrument aus. Zur Aufführung gelangen Werke von Schönberg, Toshio Hosokawa und Schumann. Und am Dirigentenpult steht kein Geringerer als der 64-jährige Berner Heinz Holliger, der 1998, anlässlich der Uraufführung seiner Oper «Schneewittchen», den Ehrendoktortitel der Universität Zürich verliehen bekam. Das tönt versöhnlich, ist es aber nicht. Auch Schönberg ist nicht wirklich schön. Und erst recht nicht dieser wahnsinnige Japaner, der nicht nur wie ein Motorradrennfahrer klingt, sondern auch so komponiert.

Sie atmet tief und schwer

Es ist geradezu unglaublich, wie die Finger der hübschen Musikerin im Tempo des gehetzten Affen – und scheinbar ohne jede Logik – über die Klappen und Löcher der Klarinette fliegen. Und dies, ohne dabei die geringste Rücksicht aufs eigene, geschweige denn aufs Gehör des Publikums zu nehmen. Damit wir uns richtig verstehen, ich bin kein Fachmann. Und bestimmt ist die Deutsche auch eine begnadete Künstlerin. Nur im Moment ist mir nicht so sehr nach Kunst. Mindestens nicht nach dieser. Doch es soll noch dicker kommen.

Nach einem frenetischen Applaus des kulturgeeichten Publikums dringt die junge Frau ins Epizentrum des Zeitgenössischen vor. Beidhändig. Aber das wirklich Verblüffende ist, dass sie dabei keinen eigentlichen Ton von sich gibt. Absichtlich nicht. Sie atmet lediglich. Konzentriert. Mit der Klarinette an den Lippen. Tief und schwer. Mal lang, mal kurz. Mal laut, mal leise. Wie lange kann man so etwas tun?, frage ich mich. Richtig, unendlich lange. Und so hechelt Frau Professor, was das Zeug hält und bis der Saft unten raustropft. Einatmen, ausatmen. Und wieder ein. Und wieder aus.

Wirkt Silikon schalldämpfend?

Das sind dann natürlich diejenigen Momente, in denen man zu denken anfängt. Aus Ratlosigkeit. Und weil der Körper rebelliert. Um acht hat das Konzert angefangen. Nach zwei Stunden schweren Atmens schaue ich auf die Uhr – es ist halb neun. Zwischendurch schneiden sich völlig willkürlich ausgestossene, kreischende Pfiffe in meine Formatio reticularis, jenes bis ins Zwischenhirn reichende System longitudinal und transversal verlaufender markhaltiger Fasern, das zur Steuerung vegetativer Funktionen wie Erregung etc. bestimmt ist. Und irgendwo ganz drinnen beginnt es zu rechnen. Wenn mir dreissig Minuten wie zwei Stunden vorkommen, dann wären zwei Stunden ja so wie acht Stunden. Mein Gott, das hält ja keiner aus. Doch.

In der Pause werfe ich das Handtuch. Gestützt auf die Genfer Menschenrechtskon vention plus deren Zusatzprotokolle 1 und 2, schleppen wir uns an die frische Luft. Keine drei Stunden später holt uns die Vergangenheit ein. Das wippende Gesamtkunstwerk aus dem KKL drängt sich im Hotel in unseren Lift, zusammen mit ihrem solariumgegerbten Gatten. Sofort beginnt sie zu flöten, dass sie auch gerne so toll blasen können möchte wie die schöne Frau Professor. Wie bitte? War das Busenwunder wirklich im selben Konzert wie wir? Wirkt Silikon schalldämpfend? Doch schon ergänzt ihr Begleiter, ja, sie sei schlicht grandig gewesen. Diese Reduktion, dieses Destillat, dieser Mut zum Minimalismus und dann erst das enge rote Kleid.

Des Kaisers neue Kleider, schiesst es mir durch den Kopf. Das sind dieselben, die auch Pipilotti Rist für eine tolle Künstlerin halten. Dabei trauen sie sich bloss nicht zuzugeben, was jeder denkt, aber niemand auszusprechen wagt, nämlich, dass sie das verwackelte Geflimmer der ehemaligen Expo-Chefin nicht verstehen und schlicht doof finden. Inhaltslose Basteleien und unscharfe Videoinstallationen. Pipilotti Rist, die heilige Mutter Maria der rachitischen Kunstschickeria, die Ikone jener, die sich in schwarzen Klamotten (und mit dem obligaten Cüpli in der Hand) in den Galerien die Prada-Latschen in den Bauch stehen. Pomadisierte Schwuchteln und handyfonierende Gucci-Tussis, abgehalfterte Um-ein-Haar-Missen und neunmalschlaue Werbeheinis, die ratlos, aber jubilierend vor dem stehen, was von den Kulturredaktionen und vom Feuilleton wohlwollend homologiert wurde.

Selbstreferenzielle Joberhaltung

Das Paradox ist: Man findet Kunst vor allem dann tief, wenn man sie nicht versteht. Oder vielleicht besser, weil man sie nicht versteht. Werke werden zu «Sinncontainern», in die man jeden Sinn reinprojizieren kann. Die Dozenten an den kunsthistorischen Instituten sehen das vielleicht anders. Sie sehen ja vor allem die vielen bildhübschen Studentinnen, die (weil es extrem chic ist) Kunst studieren, um eines schönen Tages als Kulturjournalisten oder Kuratorinnen zu erklären, was uns der Künstler «damit» sagen wollte. Selbstreferenzielle Joberhaltung nennt man das wohl. Und ganz wichtig: Kultur darf keine Freude machen. Kultur muss schwermütig sein, sozialkritisch und elitär. Kultur hat nichts mit Unterhaltung zu tun, denn Unterhaltung ist keine Kunst.

Aus einem Kartoffelsack kann man keinen Bundesrat machen. Das ist bewiesen. Aber aus einem Metzger einen Künstler formen, das ist für jeden halbwegs renommierten Galeristen ein Kinderspiel. Drück ihm ein Messer in die Hand und Farben und lass ihn draufloswurschteln. Frau Muggli gefällt’s, sie hat sich jetzt einen echten Corpaato übers Buffet gehängt. Eine Frage: Gibt’s auch gefälschte Corpaatos?

Gebrauchte Pinsel im Lichttest

Networking ist das A und O. Mit den richtigen Beziehungen kann sogar der Valser Malermeister Alois Furger seine gebrauchten Pinsel ausstellen oder die Farbmuster, die er zum Lichttest an die Sonne gelegt hat, für hunderttausend Franken verscherbeln. Der renitente Rorschach-Test-Maler Richard Paul Lohse wenigstens konnte es. «Die serielle Ordnung seiner Arbeiten entsteht aus horizontalen und vertikalen Farbbändern, deren Abfolgen exakt bestimmt sind», schreibt der Kurator. Also genau wie bei Alois Furger.

Und wo wir gerade beim Rundumschlag sind: John Armleder? Gail Hastings? Gottfried Honegger? Die können Sie allesamt in der Pfeife rauchen. Oder kann mir vielleicht mal jemand sagen, was die langweilige Quadratur des Pantone-Farbfächers soll? Und erst Mario Merz, der im Zürcher Hauptbahnhof dieses unsägliche Oberlicht gestaltete. Ein Werk, das sich über die ganze Hallenbreite zieht: Auf einer Neonlichtspirale fliegen Vögel aus Kunststoff, kombiniert mit Leuchtzahlen, welche die laufende Beschleunigung der Entwicklungsgeschichte symbolisieren. Also bitte, was um alles in der Welt soll denn das?

Kann man im internationalen Kultursumpf überhaupt berühmt werden, ohne eine Lobby hinter sich zu haben? Nein. Oder kennt jemand den Steinhauer Pius Truffer? Oder René-Heinrich Bienz, den Fagottisten? Den Konzeptkünstler Tomas Drobny oder den Eisenplastiker Norbert Gartmann? Wer schreibt über die filigran genähten Plachenskulpturen von Damaris Mueller oder die durchdachten Verkürzungen eines Alec von Tavel? Keiner. Weil keiner den Mut hat, sich zu exponieren. Kultur ist, was als Kultur bezeichnet wird. Kultur ist, was man kennt. Kunst ist Kunst. Ist Kunst. Ist Kunst.


Weltwoche, 1993

Die Angst des Joggers vor dem Deutschen Schäfer

Aufzeichnungen eines verbissenen Joggers, der die Schnauze voll hat.

VON FRANK BAUMANN

Ich hasse Hunde! Sie bellen, sie können ihr Trockenfutter nicht von meinen Turnschuhen unterscheiden, sie stinken (vor allem, wenn sie nass sind), sie scheissen auf Trottoirs und Kindespielplätze, und sie lassen sich von ihren Besitzern anschnauzen, domestizieren und versauen. Und zwischendurch bellen sie. Mit oder ohne Grund. Und die, die bellen, beissen nicht. Und die, die nicht bellen, die beissen. Manchmal. Ich hab’s ausprobiert.

Mit einem Puls von 160 und bleiernen Beinen schleppe ich meine 72 Kilogramm Wettkampfgewicht über den Waldweg. Meter für Meter. Von Baum zu Baum. Noch bis zu dieser Kreuzung und dann Ende Feuer. Dann mach› ich schlapp. Ich bin kein Jogger.

Gott sei Dank – in einer Entfernung von vielleicht 50 Metern taucht der Grund für eine kleine Verschnaufpause auf: zwei deutsche Schäferhunde. Die schickt der Himmel, denke ich und bremse ab. Nach drei gestolperten Schritten stehe ich still. Ich atme tief durch, die Schläfen pochen. Ich bin bachnass. Nun sehe ich auch die Halterin der beiden Hunde.

Obwohl sie noch recht weit weg ist, erkenne ich, dass sie nicht mehr die Jüngste ist. Im Gegenteil.

Jetzt nur ruhig bleiben

Die Vierbeiner tigern zunächst noch so ein bisschen durchs Gebüsch. Gelangweilt. Hier ein Bisi, da ein Bisi. Und dann schiessen sie plötzlich los. Wie von der Tarantel gestochen, schnurstracks auf mich zu. Zähnebleckend. Mit gesträubtem Nackenhaar. Ich hasse Hunde!

Ich empfange die beiden trotzdem mit offenen Armen und einem . Ich bleibe regungslos stehen. Jetzt nur nicht bewegen. Der ältere der beiden Burschen knurrt mich nämlich ziemlich unmissverständlich an. Er wittert frisches Fleisch.

Sie möge doch bitte ihre beiden Hunde zurückpfeifen, rufe ich durch den Wald, und aus der Entfernung tönt es zurück Toll. Eine originelle Bemerkung, über die man im Kontakt mit Hunden und deren Haltern immer wieder staunen darf.

Obwohl ich wirklich nicht spielen will, springt der jüngere der beiden Köter nun auch noch an mir hoch und haucht mir seinen feuchten Hundeatem ins Gesicht. Iiiiiigitt! Muss – das – sein? Ich flehe: Und die Dicke lächelt.

Jetzt geht alles blitzschnell. Der ältere ist am Verhungern. Er hält mich, den erschöpften Jogger, für eine mobile Fleischkonserve und mich. Das Weisse in seinen Augen blitzt gefährlich. Der andere tänzelt nervös um mich herum. Ich mache keinen Wank. Lediglich die Haare an meinen nackten Armen und Beinen bewegen sich. Und zwar aufwärts.

Er schnuppert. An meiner Hose, am durchnässten Leibchen, an den Kniekehlen. Es kitzelt. Einen Moment lang scheint es, als ob er die Nase voll habe.

Doch dann startet er durch und fällt mich an. Seine Tatzen raspeln mir die Haut vom linken Oberschenkel, und sein makelloses Hundegebiss schnappt zu. Mahlzeit. Pobacke garniert mit schwarzer Turnhose. An einer leichten Schweisssauce. (Für unseren Hund ist halt nur das Beste gut genug!)

Ein heisser Schmerz sticht durch meinen Körper. Die Hundehalterin schreit mehr oder weniger überzeugend und und und – und die haben ein Einsehen. Danke.

Wie zwei durchgeladene Ordonnanzpistolen mit gespanntem Schlaghammer stehen sie nun neben ihr. Ich stottere irgend etwas von und und , und sie ranzt zurück:

Überhaupt zeigt sich die Hundesportlerin – eine besondere Spezies unter den Hundehaltern, die man leicht an der schräg umgehängten Leine erkennen kann – nicht gerade von ihrer Schokoladenseite. Sie will sich mit mir weder auf ein Gespräch auf der Bauchebene einlassen, noch will sie mir verraten, wie sie heisst. Und auf meine schüchterne Frage, ob sie sich nicht wenigstens entschuldigen möchte, antwortet sie schnippisch: und verschwindet in der Tiefe des Waldes.

In Gedanken bin ich bereits bei meinem Hausarzt. Er wäscht mir die Wunde mit Wasserstoffsuperoxyd (Schmerz!) aus, desinfiziert sie minutiös mit , gibt mir eine Tetanus-Spritze und legt einen Deckverband an. Genäht wird nicht. Erstens ist meine Wunde relativ klein, zweitens werden Hundebisse nur sehr ungern genäht. Das liegt daran, dass Bisswunden immer stark infiziert, also mit Bakterien verseucht, sind und obendrein meist Wundränder haben, die sich nur sehr schwer adaptieren lassen. (Im Gesicht würde man allerdings eine Ausnahme machen; nicht nur aus kosmetischen Gründen, sondern auch weil am Kopf eine wesentlich geringere Infekttendenz besteht als beispielsweise an den Beinen.)

Zurück zur Natur. Die Turnhose ist zerrissen. Und mit ihr mein dünnes Nervenkostüm. Ich humple nach Hause und hänge mich ans Telefon. Stadtpolizei, Kantonspolizei und wieder zurück zur Stadtpolizei. Nach langem Hin und Her finde ich schliesslich eine Beamtin, die sich meiner annimmt. Sie hört mir geduldig zu, um dann die zentrale Frage zu stellen: Sie nicht wissen, wie die Hundehalterin heisst, ja haben Sie sich dann wenigstens die Hundenummer gemerkt?

Zugegeben, eine originelle Idee! Denn schliesslich hätte ich mich ja bloss ein bisschen nach vorne zu beugen gebraucht, sagen wir mal, ungefähr so weit, bis sich mein Ohr auf der Höhe seiner Nase befunden hätte, und dann wäre die winzige Hundemarke ja tatsächlich am Halsband des Tierchens zu finden gewesen. Freiwillige vor!

Die Beamtin muss nun selber lachen. Wir unterhalten uns über Hunde und deren Halter, und ich erzähle ihr, dass ich mit Hunden aufgewachsen sei und dass ich vor einigen Jahren, als ich noch Besitzer eines riesigen französischen Hirtenhundes (Briard) war, selbst zwei Hundekurse besucht habe. Dass ich eigentlich ein ausgesprochener Hundenarr sei und dass ich meinen Hund, ich gebe es zu, auch eher selten bis nie an der Leine geführt habe …

Bei Urs Schenker, dem stellvertretenden Chef des Diensthundewesens der Stadtpolizei Zürich, bin ich dann allerdings etwas weniger ehrlich. Man weiss ja nie …

Ein Rapport ist nie für die Katz

Er nimmt sich viel Zeit und erklärt mir geduldig die verschiedenen rechtlichen Aspekte des Zwischenfalls:

Weil es sich in meinem Fall aber um den Tatbestand und somit um ein handle, solle ich den Vorfall einfach auf dem nächsten Polizeiposten melden. Dort werde dann eine Anzeige gegen Unbekannt aufgenommen. Dieser Rapport sei allerdings nicht für die Katz, im Gegenteil, er werde zwar unter abgelegt, komme aber immer dann, wenn Hundebisse gemeldet würden, wieder auf den Tisch. Sollte man eines Tages nachweisen können, dass es sich bei einem Hund um einen handelt, könnte dies einen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf seines Hundelebens haben.

«Wenn Sie zwar den Namen der Halterin wissen, sich aber mit ihr nicht gütlich einigen können, wäre ebenfalls der nächste Polizeiposten zuständig. Der Halter würde dann vorgeladen, befragt und allenfalls verzeigt werden. – Voraussetzung ist, dass Sie einen Zeugen vorbringen oder den Hund oder seinen Halter präzise beschreiben könnten. Die Angelegenheit kommt dann vor den Polizeirichter, und der spricht eine Busse aus.»

Bevor man allerdings rechtliche Schritte gegen Hund und Halter unternehmen kann, muss einer von beiden mindestens dreimal wegen Beissens gebüsst worden sein. «Erst dann kann der Stadtrat einen ‹Maulkorbzwang› – der gilt dann für immer – beantragen oder gar die ‹Wegnahme› und das ‹Einschläfern des Tieres› veranlassen. So oder so stehen dem Halter dann allerdings immer noch diverse Rechtsmittel offen. Ein Streit kann also Jahre dauern und bis zum Bundesgericht weitergezogen werden.» Nein danke.

Oft kaum mehr unter Kontrolle zu halten

Obwohl ich in der Zwischenzeit Name und Adresse der Hundehalterin und sogar die Nummer der Hundemarke herausgefunden habe, verzichte ich auf eine Anzeige. Denn ich habe weder Lust noch Zeit, mich auf einen langwierigen und kostspieligen Rechtsstreit einzulassen.

Da schreibe ich doch viel lieber einen Hundehasser-Artikel. Obwohl ich doch ehrlich gesagt eigentlich gar keiner bin, sondern vielmehr der Hasser einer ganz speziellen Gattung Hundehalter. Wohlverstanden, es ist nicht die Familie Märki mit ihrem Tibet Terrier, es sind nicht die Preisigs mit , dem kinderlieben Goldenretriever, und es sind auch nicht Verena und Léon Huber mit Ronny, dem Scheidungspudel. Es sind auch nicht die x-tausend normalen Schweizer Hündeler, die uns auf die Nerven gehen. Nein, es sind vielmehr die verantwortungslosen Profilneurotiker, die ihre Macht missbrauchen, um aus einem Freund ein Statussymbol zu basteln. Es sind diejenigen Menschen, die ihre Vierbeiner mit fragwürdigen Methoden zu diffizilen Kampfmaschinen für den privaten Gebrauch aus- und verbilden; immer in der Hoffnung, es möge sich eines Tages die Gelegenheit bieten, zu brüllen.

Widerlich! poltert auch Urs Ochsenbein, Leiter des Zürcher Hundezentrums und unbestrittenermassen der Hundespezialist schlechthin. In seinen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Hundekursen und Büchern geht es ihm «nicht in erster Linie um die Ausbildung des Hundes, sondern vielmehr um diejenige des Menschen. Denn nur wenn die Hundehalter sicher sind, können auch die Hunde sicher werden. Wer hingegen davon ausgeht, das Ziel der Ausbildung sei, dass ihn sein Hund möglichst bald gegen jedermann verteidigen müsse, läuft Gefahr, ihn zu überfordern und zu verunsichern. Daraus entsteht dann ein aggressives Verhalten, das in krassem Gegensatz zum bewundernswerten Sozialverhalten des Hundes steht und oft kaum mehr unter Kontrolle zu halten ist.»

Das Resultat ist ein Hund, der aus Unsicherheit feste zupackt und aus Angst nicht mehr loslässt. «Und jetzt folgen von seiten der Ausbilder Brutalitäten, die bis zum Einsatz von Elektroschocks reichen. Nur die wenigsten Hunde überstehen diese Prozeduren, ohne lebenslang verunsichert zu bleiben und deshalb auch in Situationen, die sie an jene Zwänge erinnern, plötzlich und unberechenbar zuzubeissen.» Wunderbar.

Der Beutetrieb.

Meine These, dass die beiden vermutlich verdorbenen Hunde mich, der ich wie ein junges Reh durch den Wald dahergejoggt kam, für eine lohnende Beute hielten, hält der Hunde-Papst für eher unwahrscheinlich:

Zugegeben, ich machte auf die beiden Schäferhunde – ausser Atem, erschöpft und mit erhöhtem Puls – nicht gerade den selbstsicheren Eindruck eines Clint Eastwood. Nur, wie hätte ich mich denn bitte richtig verhalten sollen?

«Wenn man ein unsicheres Gefühl hat, dann bleibt man am besten still stehen. Und wenn der Hund neugierig auf einen zukommt, dann bleibt man am besten ruhig stehen und redet ihm allenfalls gut zu. Wenn er dann erkennt, dass man nichts von ihm will, wird er in der Regel auch nicht schnappen.»

Wenn ein Hund richtig zubeisst, wird’s ungemütlich.

Aha, vielleicht war ich zuwenig freundlich. Oder die Jungs haben gemerkt, dass die Freundlichkeit gespielt war. Oder vielleicht hatte der Beisser ein besonders loses Mundwerk, betont Urs Ochsenbein: «Noch immer meinen viele Hündeler, dass die Idee der Schutzhundeausbildung darin besteht, die Tiere möglichst scharf zu machen. Dies ist ein kompletter Unsinn. In erster Linie geht es doch darum, den Hund als Informator zu nutzen. Er soll uns all jene Informationen liefern, die wir mit unseren verkümmerten Organen nicht bekommen können. Er soll für uns Menschen hören und riechen. Das soll er.»

Und was wäre wohl passiert wenn ich zu fliehen versucht hätte?

Und was, wenn ich mich zur Wehr gesetzt und versucht hätte, ihm einen saftigen Tritt zu verpassen.

«Das ist nun wirklich das Allerdümmste, was man machen kann. Der Hund könnte den Vorgang des Tretens entweder als Spielaufforderung interpretieren und dann mit der im Hundespiel üblichen Härte zupacken, was alles andere als angenehm ist, oder sich tatsächlich angegriffen fühlen, und dann wird’s verdammt ungemütlich.»

Kein Wunder, hält Urs Ochsenbein die diversen Hundeabschreckungsgeräte wie Gassprays, Laser- oder Elektroschockstäbe für totalen Unsinn.

Die Versicherung kommt zum Handkuss.

Zum Glück bin ich, wie alle Schweizer Arbeitnehmer und -innen . Die Versicherung kommt also für die Heilungskosten sowie für allfällige weitere Unfallfolgen wie Erwerbsausfall oder Invalidität auf. Wäre ich allerdings eine (?!) oder ein Kind und somit nicht obligatorisch unfallversichert, würde die Krankenkasse einspringen und subsidiär haften. Es sei denn, die Hausfrau oder das Kind würden aufgrund des Hundebisses invalid werden, dann käme die Privathaftpflichtversicherung des Hundehalters zum Handkuss. Natürlich immer vorausgesetzt, man kennt den Hundehalter und was gar nicht so selbstverständlich ist, er hat eine Privathaftpflichtversicherung. Wenn nicht, bleibt nur noch der Rechtsweg. Sollte der Hundehalter allerdings verwahrlost und/oder mittellos sein, wäre das Prozedere kurz und erfolglos.

Das Vorletzte.

1. Hunde haben keine Hände. Wenn sie etwas festhalten oder sich wehren wollen, dann müssen sie dies zwangsläufig mit ihrem Gebiss tun. Ein Schäferhundegebiss hat 42 Zähne. Die vier Fangzähne sind ganz schön happig.

2. Wer beim Joggen auf Nummer Sicher gehen will, der ruft am besten schon von weitem freundlich , damit der Hundehalter eine faire Chance hat, sein Tier an die Leine zu nehmen. (Wer mit einem güldenen Glöcklein durch den Wald hüpft, macht sich besonders positiv bemerkbar. Vor allem im Advent.)

3. Ein Hundebiss kann in den besten Familien vorkommen. Für das Opfer ist er peinvoll und für den Halter peinlich. Zivilisierte Menschen sollten versuchen, den Unfall und seine Folgen auf der sachlichen Ebene abzuwickeln. Der gegenseitige Austausch der Adressen ist dabei wohl eine Selbstverständlichkeit. , betont Urs Ochsenbein,

1992 registrierte die Stadtpolizei Zürich übrigens 44 Hundebisse. Davon wurden 8 unter der Rubrik abgelegt, und ein Fall von wurde der Bezirksanwaltschaft übergeben. Von Anfang Jahr bis heute kam es in Zürich zu 12 Anzeigen. Von Menschen, die Hunde gebissen hätten, ist nichts bekannt, woraus man schliessen könnte, dass Hunde einen ausgesprochen positiven Einfluss auf ihre Halter ausüben können.

Das Letzte

Im Verlaufe der Recherchen zu dieser Geschichte meldete sich übrigens ein anonymer Telefonanrufer: «Ich habe gehört, Sie schreiben etwas über Hündeler? Das würde ich an deiner Stelle nicht machen, du Sauhund!»


SonntagsZeitung, 1993

«Zwei kleine Spritzen. Tut überhaupt nicht weh!»

Immer mehr aufrechte Eidgenossen lassen sich unterbinden: Ein Erlebnisbericht.

In der Linken hält er meinen Penis und in der Rechten eine riesige Spritze. Die Gummihandschuhe machen aus seinen behaarten Handrücken moderne Kunst. Doch im Moment ist mir nicht nach Kunst. Ich halte die Luft an. Mein Herz klopft einen 7/18-Bebop. Ich habe Angst. Nackte Angst. Meine Muskeln sind voll durchgespannt.

Hinter dicken Brillengläsern nehmen derweil zwei schlauen Augen Mass. Der Rest des Gesichts ist eingepackt. Das heisst, eigentlich ist der ganze Mann eingepackt. Genau wie seine Assistentin: grün. Grün, so sagen die Psychologen, soll sehr beruhigend sein. Stimmt, die beiden sind die Ruhe selbst. «Werden Sie gleich kleinen Picks spüren», brummelt es durch den Mundschutz, «aber ist nicht so schlimm!» Er atmet schwer. Ich halte die Luft an …

Dabei begann alles ganz harmlos. An einem lauen Sommerabend, es muss ein Donnerstag gewesen sein, ich erinnere mich, wir sassen im Garten bei einem feinen 90er Vie di Romans, verkündete ich meiner Frau gelassen und auch etwas stolz, dass ich mich anderntags unterbinden lassen würde. Sie war gerührt.

Wir plauderten noch ein Weilchen über die Problemlosigkeit der bevorstehenden Operation und die Tatsache, dass sich noch immer viele Männer vor der Vasektomie (so heisst der Eingriff) drücken und es vorziehen, ihre Partnerin unters Messer zu schicken. Wo die Geschichte beim Mann doch eigentlich ein kurzer ambulanter Eingriff ist, bei der Frau hingegen eine nicht ganz risikolose Operation.

Mit einem wohltuenden, von Gaby via mein Ohr direkt ins Herz gehauchten «Ich bin stolz auf Dich» liess ich mich in die frisch gemachten Federn fallen und verschwand im Land der Träume.

Es gibt kein Zurück

K. ist ein ruhiger, liebenswerter und äusserst gewissenhafter Urologe. Wenn er spricht, dann tut er dies langsam, besonnen und so, dass Mann begreift, was er meint. Ab und zu lacht aus seinen Augen der Schalk. K. ist Ungar, um die 50, verheiratet und Vater zweier erwachsener Söhne. Und nicht unterbunden! Er ist nicht gerade gross, vielleicht eher klein, und hat Unterarme wie andere Waden haben. Diese Waden hält er während unseres ersten Gesprächs vor der Brust verschränkt. Dann und wann macht er sich Notizen. Er nimmt sich viel Zeit, um meine Beweggründe für die Vasektomie zu erfahren. Er will wissen, wie alt ich bin. Wie viele Kinder wir haben. Wie die Geburten verliefen. Ob ich unter Allergien leide. Ob ich schon einmal operiert wurde. Und so weiter.

Und dann: «Haben Sie es sich gut überlegt? Operation ist endgültig! Das heisst, wenn Kabel sind durchgeschnitten, es ist sehr schwierig, wieder zu reparieren! Vielleicht – es wird nie mehr funktionieren.» Ich nicke, denn ich glaube zu wissen, dass es ja genau das ist, was ich will.

Dann erklärt er mir anhand einer Skizze, wo er sich wie zu schaffen machen wird. Ich bekomme einen trockenen Mund und feuchte Hände.

«Zuerst, es gibt eine kleine Spritze. Aber, tut überhaupt nicht weh! Eine hier, und eine hier. Links und rechts von Peniswurzel je eine …» Aha, also zwei Spritzen! Na ja, das geht ja noch, denke ich. – «Das heisst, es gibt vier Spritzen.» Moment mal! Was? Vier Spritzen!? Vor wenigen Sekunden waren es noch zwei. Warum so launisch? Zwei würden doch bestimmt genügen! Und zwischen zwei und vier liegt immerhin ein hundertprozentiger Unterschied! Soll das ein Scherz sein? «Ist so: Erste beide Spritzen sind für Lokalanesthesie. Dann, wenn Hodensack ist eröffnet, ich muss Samenleiter unempfindlich machen. – Vier kleine Spritzen. Tut überhaupt nicht weh!»

Meine zugekniffenes rechtes Auge und die leicht angehobene linke Braue, die ihm eigentlich unmissverständlich zeigen sollten, dass ich mir Sorgen mache, lassen ihn kalt. «Manchmal es gibt sogar sechs Spritzen! Zum Beispiel, wenn Patient hat verdrehte Hoden. Aber kommt sehr, sehr selten vor. – Ziehen Sie bitte Ihre Hose aus!»

Während ich seiner Anordnung Folge leiste, öffnet er das Fenster einen Spalt weit. «Sie sind etwas blass, mein Lieber. Ist Ihnen nicht gut?» Ich lüge, was das Zeugs hält, denn schliesslich ist so eine Vasektomie ja eine absolute Routineoperation. Wenigstens für den Arzt. Hier zwei Spritzen, da zwei Spritzen, zwei kleine Schnitte und dann schnipp-schnipp: «Kabel ab». So einfach. Hunderttausendmal gemacht. Und alle haben Sie überlebt. No Problemo also.

«Sie haben schöne Hoden!»

Während ich in Gedanken bereits operiert werde, tastet K. meine Hoden ab und lokalisiert die Samenstränge: «Sie haben schöne Hoden!»

– (?) – Oh, oh! – Auch, das, noch. Was nun? – Soll ich ihn niederschlagen? Flüchten? Um Hilfe schreien? Warum um alles in der Welt hat mich der Gynäkologe meiner Frau nicht gewarnt? Immerhin hat er mir den Knaben doch wärmstens empfohlen: «Wissen Sie, der K. ist ein verdammt guter Urologe. Ich arbeite oft und gern mit ihm zusammen. Sie, Sie werden sehen: 20 Minuten und die Sache ist erledigt. Schnipp-schnipp. – Wobei, ich würd› mich an Ihrer Stelle ja ehrlich gesagt nicht unterbinden lassen! Man(n) weiss ja nie!»

«Sieht gut aus, wird wahrscheinlich keine Komplikationen geben.» Gott sei Dank. Die Panik ist unbegründet. Falscher Alarm. Der freut sich lediglich auf eine reibungslose Operation. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich dachte schon …

Dann zeichnet er mit dem Zeigefinger ein imaginäres Viereck um meine Weichteile: «Hier müssen Sie rasieren!» Ob das im Preis nicht inbegriffen sei, frage ich. «Wissen Sie», erklärt K. mit ernstem Blick, «wenn ich das mache, Verletzungsrisiko ist zu gross!» –
O. k., wir wollen keine Risiken eingehen.

Schnipp-schnipp

Zurück in die Gegenwart. Die Spitze der Injektionsnadel, ein 0,6×30 mm Terumo 23g übrigens, verschwindet unter meiner Haut. Der Einstich ist tatsächlich unbedeutend. K. infiltriert 2prozentiges Xylokain. Links 7 Milliliter, rechts 7 Milliliter, und zwar volle Lotte in die Samenleiter. Ich spüre, wie sich der Papierbezug des Operationstisches langsam mit meinem Angstschweiss vollsaugt. Ich richte mich ein wenig auf, denn aufgestützt auf die Ellenbogen möchte ich genau mitverfolgen, was der Meister im Untergeschoss macht. Nach zwei Minuten wirkt die Anästhesie, und K. zückt das Skalpell, ein Glenford 0,4. Er atmet schwer. Seine Frau, die ihm assistiert, und ich, wir halten die Luft an. Dann erfolgt der Schnitt. Der Samenleiter wird freigelegt. Nun zieht er ihn sorgfältig durch den Einschnitt heraus, was nicht gerade schmerzhaft ist, aber auch nicht besonders angenehm. K. bindet nun den Samenleiter im Abstand von drei, vielleicht auch vier Zentimetern mit «Dexon» (einem langsamresorbierbaren Nahtmaterial) ab. Es zupft ein bisschen, ich zucke zusammen. «Tut weh? Machen wir noch einmal eine kleine Spritze …» Wir ist gut. «Tut überhaupt nicht weh.»

Nun schneiiiidet – er – das – Stück – zwischen – den – Abbindestellen – entzwei: schnipp!

Damit die Enden nicht wieder zusammenwachsen können, werden sie mit einer Elektrode, durch die hochfrequenter Strom fliesst, einige Millimeter tief verschweisst. Aus der Wunde steigen feine Rauchzeichen auf. Es riecht, als ob eine Fliege in der Halogenlampe kremiert würde. K. streckt mir freudestrahlend das abgezwickte Schnipselchen Samenstrang entgegen. Es sieht aus wie ein Stück Spaghetti. Barilla No. 7. «Diese Nudel wird nun eingeschickt», ächzt der Operateur, während er die Wunde am Hodensack zusammennäht, «damit sie histologisch (geweblich) untersucht werden kann.» Halbzeit.

Nun, wo ich weiss, wie die Operation verläuft, lege ich mich wieder auf die Papierserviette. Ich versuche mich zu entspannen. Sehe vor meinem geistigen Auge, wie der Arzt abermals die Skrotumwand eröffnet und den rechten Samenstrang herauszieht. Ich sehe, wie er testikulär (hodennah) und distal (hodenfern) abbindet und zum Schnitt ansetzt. Doch was ich nun höre, reisst mich in die Realität zurück: «Sie haben verdrehte Hoden!»

Wie bitte?! Ich bekomme ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. «Es gibt nochmals zwei kleine Spritzen …»

Erschöpft lasse ich mich wieder auf den Operationstisch sinken. Ich warte auf das Ende. Verdrehte Hoden, das kann nur etwas ganz gefährliches sein. Falsch. K.s Skalpell bahnt sich einen Weg durch die verschiedenen Gewebeschichten, die den Hoden umschliessen. Auf seiner Stirn bilden sich Schweissperlen.

«Nein, nein es tut nicht weh …»

Endlich höre ich es zischen. Die Elektrode verschliesst die durchtrennten Samenstränge. Ein kleiner Picks, ein Knoten und schnipp, schnipp. Fertig. Eine dicke Gazekompresse und eine äusserst kleidsame Fischnetzunterhose runden die Operation ab. Der Patient lebt. Der Arzt strahlt übers ganze Gesicht: «Haben Sie Schmertzen? Nein. Oder?» Ich verneine und stelle mit einer gewissen Beruhigung fest, dass meine Stimme nach wie vor Tenor ist …

Fünf Minuten später sitze ich in meinem Auto. Zum Glück ist es kein Ferrari. Geräumige Fahrzeuge mit viel Beinfreiheit machen sich nach einer solchen Operation doppelt bezahlt.

Zu Hause braucht der Held erst einmal Ruhe. Meine Frau hat die Kinder freundlicherweise bereits ins Bett gesteckt, und das Abendessen ist in mundgerechten Häppchen angerichtet. Ich lasse mich mit einem tiefen Seufzer aufs Sofa gleiten und strecke mich erst einmal au-u-u-tsch! Geht nicht. Es zwickt. Seitenlage ist angesagt.

Das Telefon klingelt. Gaby geht ran: «Nein, er kann jetzt nicht. – Ja. Mhm.- Ja. – Nein, er kann jetzt wirklich nicht, er braucht jetzt etwas Ruhe. – Ja, weil er, er wurde operiert. – Nein Mami, wo denkst Du hin, nichts Gravierendes, er hat sich bloss unterbinden lassen. – Ja. Mhm. Nein, nein, bloss zwei kleine Spritzen, das heisst vier. – Aber eigentlich waren es ja sechs …» Schön, Sie macht mich wenigstens zum Helden. Das ist wahre Liebe. «Weil, er hat drum verdrehte Hoden.» Ich halt’s nicht aus. «Ja, v-e-r-d-r-e-h-t! Nein, nein, es tut nicht weh …»

Stimmt. Auch wenn man das als Held natürlich gar nicht gerne hört.

In der Stille der Nacht

Dem Rate des Urologen folgend, trage ich, im Sinne einer Art Druckverband, eine enganliegende Unterhose. «Wissen Sie, ist besser, weil sonst gibt es Hematom.»

Die Nacht gehört mir. Ich schlafe schmerzfrei und tief. Ein zwischen die Schenkel geklemmtes Kissen wirkt Wunder. Wenigstens bis Maximilian sich zu Wort meldet. So brüllt nur einer. Ich stelle mich tot. Gaby glaubt es und versorgt den Kleinen mit neuen Windeln.

Ich drehe mich auf die andere Seite. Was wäre, wenn ich jetzt zur Toilette müsste? – Nein, ich muss nicht, aber was wäre, wenn ich müsste? – Zum Glück muss ich nicht. – Vielleicht würde ich beim Anblick der Wunde in Ohnmacht fallen und mir beim Aufprall auf die Kloschüssel den Kiefer brechen. Das wäre verdammt schade, nachdem ich jetzt doch erst gerade diese grässliche Operation überlebt habe. – Zum Glück muss ich nicht! – Oder vielleicht doch? Die Blase müsste ja theoretisch voll sein. Stimmt. Sie ist voll. – Ich glaube, ich muss mal. Und zwar jetzt gleich. Was nun?

Im zuckenden Licht der seit Wochen dahinserbelnden Neonröhre ziehe ich die Unterhose vorne sorgfältig runter. Dann löse ich die an der Wundnaht festgeklebte Gazekompresse. Sachte, sachte. Uuuu’ups. So ist’s gut. Noch ein kleines bisschen und … Schei-ben-klei-ster! Was ist denn das? Tiefes Veilchenblauviolett lacht mir entgegen. Sieht aus wie eine massive Quetschung. Sieht aus wie ein gewaltiges «Hematom».

Wasserlösen ist trotzdem kein Problem. Einschlafen schon eher. Verdammt, nun habe ich ein Hämatom. Oder vielleicht ist es etwas ganz Schlimmes. Etwas unvorstellbar Schlimmes. Vielleicht ist es ein gigantisches Pteranodon (Duden Band 5, Seite 636)? Dr. K. weiss mich um 7 Uhr 59 zu beruhigen: «Wissen Sie, das ist ganz natürlich. Ist wie bei Steckdose. Wenn man zieht am Kabel, es gibt Reaktion oben. Sie haben einen Bluterguss. Ist normal. Und wahrscheinlich werden Sie heute auch ein wenig Schmerzen bekommen. Aber nur ein wenig.» Stimmt.

Die Naht scheint gut zu verheilen

Weil er an meinen Samensträngen ziehen musste, spüre ich im Unterbauch einen dumpfen Schmerz. Erträglich, aber unangenehm. Ausserdem sind die Enden der durchgetrennten Samenstränge ziemlich druckempfindlich. Es zwickt ganz schön, wenn ich sie berühre. Dafür klingt das gequälte, inzwischen Veilchenblaugelbgrünviolett des Hämatoms nach einer Woche ab und macht langsam hautfarbenen Tönen Platz. Die Naht selber scheint gut zu verheilen, lediglich die zwei schwarzen Fäden gucken links und rechts gelangweilt aus der Hühnerhaut.

Nach zehn Tagen legt der Urologe schliesslich noch einmal Hand an. Er tastet den Hodensack ab, lokalisiert die durchgetrennten Samenstr-auuutsch und kontrolliert die Naht. «Wunderbar. Das ist uns aber gut gelungen. Haben sie noch Schmertzen? Nein, oder?» Nein, keine Schmerzen. Lediglich die nachwachsenden Stoppeln pieksen etwas.

Mit einer Pinzette hebt K. nun den verknoteten Faden leicht an, um ihn mit der Schere entzweizuschneiden. «Tut weh?» Nein, es zupft ein wenig, tut aber nicht weh. Nun zieht er den Faden heraus. Langsam. Millimeter für Millimeter. Ich verspanne mich in Erwartung eines höllischen Schmerzes. Er bleibt aus.

«In drei Monaten werden wir Ihre Samenflüssigkeit unter dem Mikroskop untersuchen, und wenn keine lebenden Spermien mehr zu sehen sind, sind Sie nicht mehr gefährlich. Erst dann dürfen Sie ohne Verhütung mit Ihrer Frau schlafen!» Ich nicke. Werden wir halt noch eine Weile «gümmelen». K. witzelt listig hinter seiner Brille hervor: «Ich hoffe, Sie haben keine Gummiallergie!»

Drei Monate später muss ich meine Samenflüssigkeit abliefern. Die gibt es nach wie vor, und die wird es noch bis ins hohe Alter geben. Es ist keineswegs so, dass sie nach der Operation versiegt. Und gespendet wird Sie manuell.

Bis am Mittag wird K. die Flüssigkeit gründlich untersucht haben und mir mitteilen, dass der Spuk nun vorbei ist. Kein Risiko mehr. Game over. Hoffentlich.

Denn was wäre, wenn die Unterbindung missglückt wäre? «Ach wissen Sie», beruhigt mich der freundliche Ungar, «dieses Risiko ist nun wirklich sehr, sehr klein. Ganz selten kommt es vor, dass sich eine Fistel bildet. Eine wintzig, kleine Verbindung zwischen den durchtrennten Samensträngen. Dann könnten Sie theoretisch wieder Zeugungsfähig werden. Aber das gibt es nur ganz selten. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass Sie drei Samenstränge haben. Dann wären Sie a) eine Sensation, weil in der Literatur sind weltweit seit Adam und Eva nur gerade rund einhundert Fälle bekannt, und b) müssten wir dann noch einmal operieren. Aber Sie wissen ja bereits, wie es geht: Zwei kleine Spritzen. Und es tut überhaupt nicht weh!»

Die wichtigsten Antworten.

Tut es weh?

Nein. Das Ausmass der Schmerzen beim Eingriff wird am häufigsten mit denen einer Zahnbehandlung verglichen. Die meisten Männer halten den Zeitpunkt der Samenleiterisolierung oder der Injektion des Anästhetikums für den schmerzhaftesten Teil des Eingriffs. Sind die Samenleiter im Bauchraum verwachsen, können beim Herausziehen durch die Schnittstelle in der Skrotalhaut (Hodensack) ziehende Schmerzen in der Leiste und im Rückenbereich auftreten.

Wie lange dauert die Operation?

In der Mehrzahl der Fälle dauert der Eingriff 15 bis 30 Minuten.

Wann kommen die Fäden raus?

Nach acht bis zehn Tagen.

Habe ich nachher noch Lust?

Natürlich. Warum nicht? Vielleicht sogar noch mehr als vorher. Vielleicht.

Wie weiss ich, dass ich ungefährlich bin?

Der gewünschte Erfolg des Eingriffs, die Sterilität, stellt sich nicht sofort nach der Vasektomie ein. Weil die Samenleiter im Bereich des Hodensacks unterbrochen werden (sie sind dort am einfachsten und mit dem kleinsten Risiko operativ zugänglich), können keine Samenzellen mehr aus dem Hoden bzw. Nebenhoden ins Ejakulat gelangen, obwohl sie weiter (wenn auch in vermindertem Masse) produziert werden. Befruchtungsfähige Samenzellen befinden sich jedoch auch noch nach der Vasektomie im Bereich der Prostata und der Samenblasen, also in einem Teil, der hinter der Unterbrechungsstelle der Samenleiter liegt. Dieses Reservoir von Samenzellen – man nimmt an, dass es erst hier zur endgültigen Reifung der Spermatozoen kommt – muss zunächst geleert werden, um absolute Sterilität herbeizuführen. Wie lange dies dauert, hängt von der sexuellen Aktivität ab … Gewissheit über die Sterilität erhält der Mann durch ein Spermiogramm. Nach 20 bis 25 Samenergüssen wird das Ejakulat beim Arzt abgeliefert. Und erst wenn keine Spermien mehr nachzuweisen sind, ist die Vasektomie als Verhütungsmethode sicher.

Es kommt also noch etwas raus?

Ja.

Gibt es Vasektomieversager?

Ja, es kann. Es gibt eigentlich drei Ursachen für das Versagen einer Vasektomie:

a) Die durchtrennten Enden verbinden sich wieder. Das kann geschehen, wenn die undichten oder offenen Enden der durchtrennten Samenleiter so aufeinanderstossen, dass es zu einer Samenzellenübertragung kommen kann. Mit den heute üblichen Operationstechniken ist jedoch eine solche spontane Rekanalisation nahezu auszuschliessen.

b) Durchtrennung der falschen Struktur. Die geschieht bei falscher Identifizierung der Samenleiter, ist bei einem Vasektomie-erfahrenen Operateur allerdings so gut wie ausgeschlossen und kann durch die histologische Untersuchung des Exzisionspräparats frühzeitig erkannt werden.

c) Doppelanlage eines Samenleiters. In sehr seltenen Fällen wurde eine doppelte Anlage des Samenleiters als Ursache für einen Misserfolg diagnostiziert (einer von mehreren tausend Fällen.

Welche Komplikationen kann es geben?

a) Entzündungen

hauptsächlich des Nebenhodens und des Samenleiters, seltener Hodenentzündungen, gelegentlich oberflächliche Wundinfektionen.

b) Bluterguss (Hämatom)

oberflächlich unter der Haut oder im Hodensack, Blut sickert in lockere Gewebsschichten, kann erhebliche Grösse annehmen. Das Resultat ist eine erschütternde Blauverfärbung, mit der Sie in der Oeffentlichkeit einiges Aufsehen erregen würden.

c) Spermiengranulom

bleibt meist erbsengross, kann langsam wachsen und Druckempfindlichkeit erzeugen. Ungefähr drei Monate nach der Vasektomie lässt die Druckempfindlichkeit nach, die Grösse nimmt langsam ab. Die Geschichte entpuppt sich als harmlos.

d) Hydrozele

Flüssigkeitsansammlung innerhalb der Hodenhülle. Schwellung, Druckgefühl, meist schmerzlos.

e) Verwachsung des Samenleiters mit der Haut

Erzeugt ein zwickendes Gefühl, Spannungsschmerz; wird eventuell mit einem kleinen operativen Eingriff behoben.

f) Samenleiter-Haut-Fistel

Dies ist das fortgeschrittene Stadium einer Verwachsung des testikulären Endes des Samenstrangs mit der Haut des Hodensacks. Operative Korrektur.

Alle Komplikationen sind sehr selten und meist auf zu frühe körperliche Belastung zurückzuführen. In den ersten Tagen nach dem Eingriff empfiehlt sich strenge Schonung. Schwere körperliche Arbeit wie Tisch decken, abtrocknen, Kehrichtsäcke vors Haus tragen, aber auch sportliche Betätigungen wie nachts aufstehen, um dem kleinen die Windeln zu wechseln, sollten ohne Rücksprache mit dem Arzt nicht früher als 14 Tage nach der Vasektomie wieder aufgenommen werden.

Ist die Vasektomie endgültig?

Ja. Das heisst, wenn es unbedingt sein muss, kann man eine sogenannte Refertilisierungsoperation versuchen. Aber genauso kompliziert wie das Wort ist auch der Eingriff. Und teuer ist er obendrein.

Wie finde ich den richtigen Arzt?

Fragen Sie im Bekanntenkreis nach einem guten Urologen. Fragen Sie den Gynäkologen Ihrer Frau. Fragen Sie mich.

Wie kann ich mich schlau machen?

Ganz einfach: Lesen Sie «Vasektomie und Refertilisierung» von Ulrich Schürle. Das Praxisheft für Berater und Aerzte ist leicht verständlich geschrieben, im Mabuse-Verlag, Frankfurt, erschienen (ISBN: 3-925499-52-0) und kostet um die 15 Franken.

Was kostet die Vasektomie?

600 bis 800 Franken. Die Krankenkassen sind sich nicht einig, ob sie oder Sie die Kosten übernehmen sollen. Die Handhabung ist das sehr willkürlich. Von Kanton zu Kanton verschieden.

Ich habe ein bisschen Angst. Ist das normal?

Ja.


SonntagsZeitung, 2007

Nach Glitter jetzt der Seelenschmetter

Frank Baumann über die Trennung der Hochglanz-Turtler Christina Surer-Bönzli und Jürg Marquard

Die Nachricht ereilt uns mitten in den Ferien, wenn auch nicht ganz aus heiterem Himmel. Christina Surer, geb. Bönzli, moderierendes Unterwäsche-Modell aus dem Baselbiet, und Jürg Marquard, einer der 250 reichsten Schweizer, haben sich getrennt. Der Akt wurde, wie es sich gehört, in aller Freundschaft vollzogen, und zwar so, «dass die Basis für sporadische gemeinsame Aktivitäten durchaus bestehen bleibt», wie der ehemalige Hitparadenmoderator verlauten lässt.

Nach vier Jahren glücklichen Händchenhaltens und Zähnebleckens in Ka- meras von Promifotografen gibt das Paar «stark gewachsene berufliche Verpflichtungen» als Grund für das Auseinanderleben an. Eine Trennung ist nie etwas Schönes. Schon der Zügelstress! Was aber bedeutet das Drama für den Rest der Welt?

Meine geschätzte Schwiegermutter, ausgewiesene Fachfrau in Sachen Klatsch und Tratsch, spricht von einem schwarzen Tag für die «Herzblatt»-Gemeinde. Dabei bedeutet die Trennung von Tisch, Doppelbett und Arvenschrank eine einmalige Chance. In Zukunft werden wir uns nicht mehr bloss an einer Homestory aus dem gemeinsamen Haushalt ergötzen, sondern gleich zwei wunderbare neue Sittengemälde aus den Gemächern der Schickeria präsentiert bekommen. Einerseits «So einsam lebt Christina Surer-Bönzli ohne Butler», andererseits «Jürg Marquard, Tür an Tür mit den Hängebauchschweinen».

Uns Liebhabern der realen Satire, uns Homestory-Junkies, hätte ein «Thomas Borer/Shawne Fielding/Djamila Rowe»-mässiges Ende der intimen Beziehung der beiden renitenten «Glückspost»-Exhibitionisten noch besser gefallen. Aber auch so gebührt Bönzli/Marquard Dank für einen selbstlosen Beitrag zur Hebung der Volksmoral. Besonders in diesen öden Zeiten, wo uns weder Dieter Bohlen noch Moritz Leuenberger mit literarischen Ergüssen belästigen, wo sich feuchte Sommerhitze einschläfernd über uns und unsere Arbeitsinstrumente legt.

Fehlen werden uns in Zukunft Zeitdokumente von rasender Komik

Obwohl es auch ein bisschen schade ist, dass sie sich «auseinander gelebt» haben, die ehemalige Teilnehmerin an den Miss-Schweiz-Wahlen und der umtriebige Verleger, der unsere Frauen mit den Magazinen «Cosmopolitan» oder «Joy» lifestylt und in Polen den «Playboy», jenes hochglänzende Blatt zur Pflege der Liebe an und für sich, herausgibt. Zu toll waren die paartherapeutischen Fotos beim nachmittäglichen Fondue-Essen in ihrer Lieblingsskihütte, beim Kartenspiel am Strand des Buj-Al-Arab-Hotels oder jenes legendäre Bild, das die beiden Verliebten in ihrer Turmsuite im Padrutt’s Palace Hotel zeigt, hoch oben auf dem Kleiderschrank thronend. Ein Zeitdokument von rasender Komik!

Und nicht nur die Fotos werden uns fehlen. Auch die gescheiten Äusserungen, die zum Nachdenken animierten: «Ich habe eine Liebesbeziehung zum Geld», gestand Marquard im Dokumentarfilm «Der Duft des Geldes». Und: «Ich mache alles dafür, dass das Geld auch Grund hat, mich zu lieben.» Oder sie: «Mich stört, dass ich immer auf ein Dessous-Model reduziert werde. Dabei ist das etwas, was nicht jedes Model kann.» Oder zum Thema Schönheitsoperationen: «Eine Beule im Auto lässt man ja auch ausbessern.» Oder einfach: «Meine Hängebauchschweine möchten sich für das Gute in der Welt einsetzen.»

Etwa als Botschafter? Vielleicht an der Seite ihres Frauchens, der Botschafterin von Ford Schweiz? Aber darüber sollten wir keine Witze machen, ist es doch das Automobil, wegen dem die Liebe des Traumpaares im Strassengraben der Beziehungen endete. Neben ihren Aufgaben als Model und Moderatorin und Botschafterin ist Christina Surer seit letztem Jahr ja auch als Profirennfahrerin erfolgreich. Mindestens gewinnt man diesen Eindruck, wenn man sich die Homepage der Schönen anschaut. Die leidenschaftliche Automobilsportlerin arbeitet mit Vollgas an ihrer Rennkarriere und war deshalb immer häufiger abwesend (was nicht nur beim Autofahren extrem unglücklich ist). Kein Wunder, meldete sich Marquard im Februar dieses Jahres kritisch: «Gegen Ende der Saison werden mir ihre häufigen Abwesenheiten schon ein bisschen zu viel.»

Nun hat sich dieses Problem gelöst. Die Frau, die bereits als Elfjährige für Modeprospekte posierte, ist weg, lebt in einer Wohnung, nicht weit vom «Bella Vista». Es sei ein bitterer Entscheid gewesen, der beiden alles andere als leicht fiel. Kunststück, immerhin bedeutet die Trennung – mindestens für Christina Surer – den Umstieg von der First in die Business Class. Den vorübergehenden Abschied vom Luxusleben im Privatjet oder Rolls Royce. Und bis auf weiteres das Ende von Sex And The City mit Traumreisen nach Australien, Mexiko, Indien, Hongkong oder Malaysia.

Sie schauten sich tief in die Augen und heulten sich stundenlang in die Jacke

Dabei begann alles so romantisch. Wir schreiben das Jahr 1999, und Christina, damals erst cervelatprominent, schlank und 25, lernt den Verleger Jürg, damals bereits schwer und reich und 54, anlässlich der Mister-Schweiz-Wahl in der Stadthalle Dietikon kennen. Nein, Marquard kandidierte damals nicht – die beiden steckten in der Jury. Und in unglücklichen Ehen.

Im August selben Jahres trafen sich die beiden beim Omega-Golfturnier in Crans Montana, wo sie sich abermals nicht nur sympathisch waren, sondern – was kein aktiver Golfspieler jemals verstehen wird – sich nicht um den kleinen weissen Ball kümmerten, sondern einander tief in die Augen schauten und anschliessend stundenlang in die Jacke heulten: «Zuerst versuchten wir uns gegenseitig zu helfen, indem wir das Handeln unserer Partner zu rechtfertigen versuchten», erinnert sich Christina Surer im «SonntagsBlick» an die Gesprächstherapie zur vorgerückten Stunde. Und dann kam es, wie es in solchen Kreisen kommen muss: Man tauschte die Handy-Nummern!

Von nun an handyfonierten die beiden Turteltauben tagelang und verzichteten absichtlich darauf, sich zu sehen. Zu gross sei der gegenseitige Respekt gewesen. An dieser Stelle der Geschichte fliessen bei meiner Schwiegermutter immer Tränen der Rührung. Das Paar genoss auf dem Golfplatz das Green der Hoffnung und träumte von durchwachten Nächten in der Villa «Bella Vista» zu Herrliberg, hoch über dem Zürichsee, im 23-Zimmer-Luxushäuschen in Miami oder im Palace-Turm in St. Moritz. Und wie es bei Schönen und/oder Reichen eben ist, aus den Träumen wurde Wirklichkeit – und die beiden Hängebauchschweine Coco und Chanel zogen an der Goldküste ein.

Christina wollte, so kurz nach dem Auszug beim Ehemann Marc Surer, zunächst nichts überstürzen und mit dem Umzug noch einen Moment zuwarten, doch die beiden knuddeligen Scheidungsschweine sollten es schon mal schön haben. Und obendrein würde sich der Anblick der Tierchen auch gleich positiv auf die Physis des Medienunternehmers auswirken und ihn bei einer seiner Abmagerungskuren unterstützen.

Jetzt ist Marquard um eine Frau leichter. Aber immerhin hängen die beiden Hängebäuche weiterhin im Garten von «Bella Vista» herum. Ein Souvenir, um das wir ihn beneiden.

Quo vadis, Christina?

Eines ist klar, die Frau mit den Traummassen 93 – 66 – 94 braucht, will sie sich weiterhin auf ihre Rennfahrerkarriere konzentrieren, einen solventen Sponsor und einen toleranten Mann. Im Idealfall beides. Nicht in Frage kommt ihr Ex-Mann Marc Surer, inzwischen auch wieder auf dem freien Markt erhältlich. Hätte man mit der Trennung nicht so lange gezaudert, wäre vielleicht noch mein Kumpel Robert Gartmann, ein solventer Jung geselle aus den Bergen, in Frage gekommen. Aber eben, der ist jetzt leider auch unter der Haube. Nella Martinettis Ex Claudio De Bartolo ist zu jung und Otto Waalkes zu hässlich. Ex-Mister Schweiz Christoph Engel hat einen anderen Einrichtungsgeschmack, und Christoph Marthaler macht zu viel Theater. Was bleibt, ist die TV-Legende Mäni Weber.

Quo vadis, Jürg?

Der Mann mit der weissen Weste braucht, schon aus optischen Gründen, dringend eine neue Begleitung. Aus der reichhal tigen Palette junger, schöner, beziehungserfahrener und Unterwäsche-affiner Frauen wären Lolita Morena, Eva Wannen macher oder Katja Stauber zu nennen. Ebenfalls in Frage – und auf einen allfälligen Umzug in die Villa Bella Vista vorbereitet – ist meine Schwägerin Franziska. Sie bringt alle Voraussetzungen mit und sogar einen Hasen – der im Notfall im Kanton Aargau zurückgelas sen werden könnte. Zugegeben, Auto fährt sie weniger gut als Christina. In der Kategorie «Teilnehmerinnen an Miss- Wahlen» sind zurzeit alle Vakanzen besetzt, weshalb im Moment eigentlich nur noch eine Frau in Frage käme: Nella Martinetti.


Facts, 2002

Leerlauf, vorwärts marsch!

TV-Mann Frank Baumann schimpfte bei Bundesrat Samuel Schmid über das Medienregiment. Jetzt gibts Ärger.

Von Serge Hediger und Rolf Hürzeler

Statt Krieg herrschte Langeweile. Die Mannen in Uniform hatten tagelang nichts zu tun. Stunde um Stunde sassen sie in einem Bunker in Bern oder in einer Kaserne in Aarau und warte-ten auf ihre Entlassung aus dem Wiederholungskurs der Abteilung Presse und Funkspruch (APF). Soldaten und Offiziere waren allesamt Medienschaffende, die im Ernstfall die Bevölkerung mit Informationen versorgen sollen, wenn die zivilen Medien nicht mehr funktionieren.

Einem der Armeeangehörigen riss dabei der Geduldsfaden. Oberleutnant Baumann, Frank, setzte sich nach dem Purgatorium der WK-Langeweile hinter den Computer, um sich nicht nur auf dem Dienstweg, sondern auch gleich beim VBS-Chef Samuel Schmid direkt mit einem Schreiben persönlich zu beschweren. Die Medienschaffenden kamen sich, schreibt Fernsehmann Baumann («Ventil») in dem Brief, «verarscht» vor. Dieser Ausbildungskurs vom letzten November habe «alles übertroffen, was ich in den letzten 17 Jahren an Dilettantismus und grobem Unfug erlebt habe». Um sich dem im VBS herrschenden Niveau intellektuell anzupassen, überschrieb er seinen Brief lateinisch: «Quod non est in actis non est in mundo» (Was in Akten nicht festgehalten ist, existiert auf dieser Welt nicht).

Baumanns Hauptkritik: Die Leute werden in der APF militärisch just in ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit beübt, die sie zivil beherrschen. Das heisst, sie müssen genau das tun, was sie tagein, tagaus als Profis ohnehin tun. Baumann schlägt, ganz konstruktiv, dem Bundesrat eine Task Force vor, die sich über eine Reorganisation der APF Gedanken machen soll.

Dieser Brief, in den FACTS Einsicht hatte, sorgte bei den zuständigen Stellen für Wirbel. Wie in diesen Kreisen üblich, wurde Baumann vorsorglich ein Disziplinarverfahren angedroht. Denn man schätzt es nicht, wenn Armeeangehörige direkt beim obersten Chef reklamieren, selbst wenn der Kritiker noch so prominent sein mag. Wer etwas zu motzen hat, soll den Dienstweg einhalten, bitte schön. Baumann droht nun ein Strafmass von einem einfachen Verweis bis zur ein paar Tagen scharfem Arrest.

«Eine Person hat riesigen Lärm gemacht», bestätigt Rolet Loretan, ziviler Chef Stab Bundesrat APF. Der Wirbel ärgert ihn gewaltig, auch wenn er einräumen muss: «Was die Person geschrieben hat, ist nicht unrichtig.» Deshalb werde das Ausbildungsprogramm gegenwärtig überarbeitet.

«Die Kritik an der Vorbereitung und der Durchführung des Ausbildungskurses muss man ernst nehmen», kommentiert VBS-Sprecher Oswald Sigg Frank Baumanns Brief. Sigg verweist auf einen Truppen-Rapport, an dem Bundesrat Schmid Anfang Januar Klartext gesprochen und eine bessere Planung und Organisation solcher Ausbildungskurse verlangt habe: «Wir haben nicht das Recht, Milizler für ein, zwei oder drei Wochen aus ihrem Familien- und Arbeitsumfeld zu nehmen, ohne ihnen Substanzielles zu bieten», sagte damals der VBS-Chef und stellte dem versammelten APF-Kader eine Reform der Abteilung samt Überprüfung ihrer Aufgaben in Aussicht.

Baumanns Dienstkameraden in der APF können dessen schriftliche Reaktion auf den militärischen Leerlauf nachvollziehen. «Tagesschau»-Redaktor Stefan Tabacznik, der im November ebenfalls im Dienst war, erinnerten die gelangweilten Medienschaffenden an eine «Gruppe Füsiliere, die auf einem Hügel vergessen gegangen sind und nach zwei Wochen WK nach Hause gehen».

Neben der Ausbildung kritisierte Frank Baumann – militärisch Programmleiter der Radio Kp V/20 – in seinem Brief an VBS-Chef Schmid auch die volkswirtschaftlichen Kosten. «Rechnet man die Lohnsumme der Journalisten und Techniker auf, die während der Übung zum Nichtstun verdammt waren, kommt man leicht auf 500’000 Franken. Dividiert man den Betrag durch die Anzahl Radiobeiträge, die von der Radio Kp V/20 realisiert wurden – es waren kaum mehr als fünf Stück – so kommt man auf einen Preis von 100’000 Franken pro Beitrag», bilanzierte Baumann und frotzelte im Brief: «Rechne und mache weitere lustige Beispiele!

Der Unmut über die APF ist nicht neu. Schon früher äusserten sich prominente Medienschaffende kritisch über die Einheit. SF-DRS-Chefredaktor Filippo Leutenegger schimpfte im «Blick» über seinen APF-Einsatz: «Wie viele andere Kollegen ärgerte mich immer alles, was mit Leerlauf zu tun hatte. Vor allem sinnloses Warten – und dann wieder seckle.» Andere nehmen die Sache lockerer. Für den heute ausgemusterten TV-Moderator Bernard Thurnheer war das Einrücken in die APF wie ein «Klassentreffen» mit früheren Radiokollegen – «und wir hatten es glatt zusammen».Seit Sommer 1999 ist im Bundesrat eine Motion zu dieser Truppe hängig. FDP-Nationalrat Erich Müller bittet darin die Regierung, «die Informationspolitik des Bundes in Krisenlagen und insbesondere die Funktion der Abteilung Presse und Funkspruch zu überprüfen». In seiner Begründung bezeichnet Müller die APF als «Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg» und stellt sich die Frage, inwiefern die APF in ihrer heutigen Art überhaupt notwendig sei.

Fach Of Andreas Schefer, zivil Chef von Radio DRS 3 und militärisch Chef der Bundeshaus-Equipe Radio und Fernsehen, stand in den kritisierten Übungen vom letzten November ebenfalls im Einsatz. Für ihn und seine Leute waren sie «grotesk, da weder die Bundeskanzlei noch einzelne Bundesämter oder der Leitungsausschuss Radioaktivität in die Übungen eingebunden waren und wir somit gar nichts zu berichten hatten».

Ein anderer Kamerad, der nicht namentlich Stellung beziehen will, erinnert sich: «Nach zwei Tagen wussten die Leute nicht mehr, wie sitzen oder liegen.» So haben die Vorgesetzten «aus purer Verzweiflung» eine so genannte Minidisc-Ausbildung angesetzt. Die gestandenen Journalisten lernten, ein handelsübliches Minidisc-Gerät von Sony zu bedienen und mussten einander interviewen. Eine Herausforderung, die jeder Laie in zehn Minuten bewältigt.

Oberst Heinrich von Grünigen, Sprecher der politisch-publizistischen Leitung der APF, kann nur für einen Teil der Vorwürfe Verständnis aufbringen und konstatiert ein Stück weit «Demotivation» bei der Truppe. Viele Soldaten neigten zur «Schweinchen Schlau»-Strategie und erledigten ihre Aufgaben mit wenig Aufwand: «Dann beklagen sie sich gerne, dass es nichts zu tun gibt.» Medienschaffende seien kritisch eingestellte Leute, «die man kreativ abholen muss».

Ähnlich urteilt Felix Endrich, der bis Ende letzten Jahres Kommandant der Radio-Abteilung war und für die kritisierte Übung verantwortlich zeichnete: «Wenn in einer Übung flaue Zeit herrscht, muss sie zu militärischer Ausbildung genutzt werden.» Darunter versteht er Schulung in Kameradenhilfe oder der Handhabung der persönlichen Waffe. Just diese Tätigkeiten schienen den Medienschaffenden jedoch wenig lustvoll.

Der Ausbildungsleerlauf ist symptomatisch für die Zustände in der 1700 Mann starken APF. Sie entstand aus der Zensurbehörde im Zweiten Weltkrieg. Während Jahrzehnten diente sie als Propaganda-Instrument der politischen Behörden im Kalten Krieg, um die Bevölkerung vor Falschinformation zu schützen und mit behördlich abgesegneten Verlautbarungen zu versorgen.

Heute ist die Bedrohung durch den Feind von aussen weggefallen, doch das Instrument gibt es noch immer. Unter den neuen Voraussetzungen beschäftigt man sich in den Übungsanlagen mit diversen Katastrophen-Szenarien: Ein nuklear bewaffneter MIG-Kampfjet soll beispielsweise bei Grenoble abgestürzt sein; weiss Gott, wie der dorthin gekommen ist. Die APF soll die verängstigte Bevölkerung informieren. Andere Szenarien sehen einen ebolaartigen Seuchenfall in Zürich vor. Schon eher vorstellbar ist das Aufkommen eines heftigen Sturms in der Art von «Lothar», wie es in einer dritten Übungsanlage hiess.

Seit 1996 das Raubein Peter Forster, der frühere Chefredaktor der «Thurgauer Zeitung», das militärische APF-Kommando übernommen hat, findet eine Militarisierung der Truppe statt. «Früher sah ich, wie ein Sportjournalist in gelben Turnschuhen einrückte», erinnert sich einer. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt sind bei der APF Tenüdisziplin und militärischer Umgang angesagt. Kommandant Forster wollte sich zum Unmut in der Truppe nicht äussern.

Frank Baumann zeigte sich überrascht darüber, dass seine Korrespondenz mit dem VBS-Chef in die Öffentlichkeit getragen wurde. Er wollte sich zu den Zuständen in der APF nicht äussern und meinte lediglich: «Ich lebe unter anderem davon, exponierte Führungskräfte im Kommunikationsverhalten in ausserordentlichen Lagen zu schulen – und zwar auf Honorarbasis.» Mit anderen Worten: Wer Baumanns Ratschläge hören will, muss zahlen. Und wenn er sie einmal gratis erteilt, wie in diesem Fall an Bundesrat Schmid, ists auch nicht recht.

Brauchts so viele?

Nationalrat Erich Müller will die Information der Bevölkerung im Krisenfall effizienter organisieren.

FACTS: Herr Müller, Sie verlangen in einer Motion eine Neudefinition der Abteilung Presse und Funkspruch. Warum?

Erich Müller: Früher prägte man uns ein: Im Krisenfall Radio Beromünster einstellen, alle anderen Berichte stimmen nicht! Heute aber hat sich die Medienlandschaft geändert. Man kann nicht mehr verlangen: Hören Sie Radio DRS! Auch die möglichen Krisen sind andere geworden.

FACTS: In welcher Art von Krise auch immer – die Bevölkerung muss informiert werden.

Müller: Eine effiziente Organisation zur Information der Bevölkerung ist unbestritten nötig. Aber es stellt sich die Frage, ob die APF dafür die richtige Organisation ist. Schliesslich gibt es noch die Nationale Alarmzentrale und die Bundeskanzlei.

FACTS: Worauf wollen Sie hinaus?


Müller:
Die hoch kompetente Nationale Alarmzentrale ist in der Lage, zusammen mit dem Bundesrat im Krisenfall angemessen entsprechende Schritte einzuleiten. Die Frage hinter meiner Motion ist die: Braucht es so viele verschiedene Organisationen, die sich alle am Leben erhalten wollen?

FACTS: Jede Organisation hat ihre Aufgabe.


Müller:
Es braucht ein Gesamtkonzept zur Zusammenarbeit und eine Vorstellung davon, was mögliche Krisen sind. Wenn in einem Krisenfall erst koordiniert werden muss, wer wann was macht, ist die Krise vorbei. Denken wir an den 11. September. Nimmt mich wunder, wie das die APF gemacht hätte, wenn die Terroranschläge bei uns geschehen wären.

APF?

Die Abteilung Presse und Funkspruch (APF) ist dem VBS zugeordnet. Sie ist das Informationsorgan des Bundesrates in Krisenzeiten. Die APF umfasst 1700 Dienstpflichtige, darunter mehr als 400 Medienschaffende. Neben einem zivilen administrativen Dienst ist ihr das militärische Informationsregiment 1 zugeteilt. Es besteht unter anderem aus einer Radio-, einer TV-, einer Presse- und einer Internet-Abteilung. Wenn die zivilen Medien in einem Ernstfall nicht mehr in der Lage sind, ihre Informationsaufgaben zu erfüllen, wäre dieses Regiment das wichtigste Einsatzinstrument. Im Ausland holte sich die APF grosse Anerkennung, als sie im Kosovo im Rahmen von Swisscoy ein Radio für die deutschen, österreichischen und schweizerischen Kontingente errichtete und betrieb.