Da
lacht der Bobbel: Offizielle Festival-Eisskulptur.
11. Dezember 2008
Die Schweiz ist ein Witz. Und zwar ein guter. Vielleicht der beste in Mitteleuropa.
Schon wie es lauernd daliegt, dieses massive, subversive Land, immer zum Losprusten
bereit. Und womit es die Weltbühne betritt: stinkender Käse, Alphornblasmeisterschaften,
Heidipatriotismus, Jodelfeierlichkeiten, Rodelfeierlichkeiten, Dauerdrama um einen
83,5 Kilogramm schweren Stein, den Unspunnenstein, der mit viel Tamtam gestoßen
wird; Rekord 4,11 Meter. Jurassische Separatisten haben diesen Klotz 1984 aus
dem Museum der Jungfrauregion gestohlen, ihn aber im Jahre 2001 zurückgegeben
- mit Europasternen verziert und damit natürlich unbrauchbar. Vier Jahre
später wurde das Original wieder gestohlen und durch einen Pflasterstein
mit Jurawappen ersetzt. Partisanenhumor. Die Schweiz ist ein Witz mit vielen
Pointen, nur eine ist das Schwyzerdütsch, in dem heiße Maronen "Heissi
Maroni" sind und 20.35 Uhr "füüf ab halbi nüüni"
heißt. Eine weitere Pointe ist es, dass man Europa, als es sich vor siebzig
Jahren zum Suizid entschied, von helvetischen Gipfeln aus zujodelte: Diesen Blödsinn
könnt ihr allein machen. Eine dritte, dass man dasselbe jodelte, als die
Europäer sich wieder aneinanderzukuscheln begannen.
Qualifiziert
als Humorfestivalausrichter
Die Schweiz hat sich also durch immanente
Lustigkeit qualifiziert, eine der größten Comedy-Veranstaltungen Europas
auszurichten: das Arosa Humor-Festival, das zurzeit zum siebzehnten Mal stattfindet
und schon jetzt, obwohl noch Tickets erhältlich sind, den Besucherrekord
der Vorjahre gebrochen hat. Es lockt kurz vor der Hauptsaison Tausende Urlauber
in den herrlich verschneiten Graubündener Erholungsort. Wo aber - wieder
so ein Beispiel für Schweizer Humor - hat man das Festivalzelt aufgeschlagen?
Auf zweitausend Meter Höhe, mitten im Schnee: nur mittels Seilbahnen und
mit nassen Füßen zu erreichen, besser aber mit Skiern oder Schlitten.
Mühsam amüsiert sich das Eichhörnli. Nach den Veranstaltungen dann
steht man frierend im eisigen Nirgendwo und hat sich nicht selten durch Schneegestöber
zu kämpfen; Pelzmützen fliegen davon, knietief sinkt in den herrlichen
Pulverschnee ein, wer beim Fackelschein den Pfad verfehlt.
Mit einem
Wort: eine ganz und gar grandiose Idee.
Es ist wohl der dramatischste
Festivalort der Welt, nur auf dem Mond könnte es aufregender sein. Ein Weiteres
kommt hinzu: Sollten einige der Gags bei nüchterner Betrachtung literweise
Alkohol voraussetzen, so steht im Hochgebirge dem Witz die dünne Luft zur
Seite. Überhaupt ist die Humorexplosion hier ja nur willkommenes Surplus,
optimale Ergänzung zum Wintersporturlaub - wohl immer noch der Hauptgrund
für einen Aufenthalt in Arosa, wo man fast sicher mit einem Bilderbuchwinter
rechnen kann. Es muss ja nicht immer Après-Ski in der Dorfdisko "Nuts"
sein: Nun kommt auch die eine oder andere der mehr als zwei Dutzend Aufführungen
in zehn Tagen in Frage.
Der Reisende ist König
Auf in
die Gaudialpen also. Zum Gefühl des Heimeligen der helvetischen Konföderation
trägt nicht unerheblich bei, dass sich diese hochskalierte Modelleisenbahnutopie
mit dem Flugzeug - eben nicht nur Klima-, sondern auch Reisegefühlskiller
- kaum sinnvoll bereisen lässt. Man nimmt am besten gleich die Eisenbahn.
Was man dabei als Erstes bemerkt, weil es einen rechts und links in die Sitzreihen
schmettert: Die Züge wackeln hier viel stärker als bei uns. Mehrfach
poltert mir das Futter vom Tisch. Als ich hochschaue, strahlt mich plötzlich
eine Sphinx an, so lange, bis ich auf die Idee komme, ihr die Fahrkarte zu zeigen.
"?#§chh*$%", sagt die Sphinx und strahlt weiter. Mein Ticket ist
nicht gültig. Ich hätte etwas eintragen müssen. Die Sphinx zuckt
mit den Schultern und wünscht mir einen schönen Aufenthalt. Es ist,
als hätte ich eine Notiz vorgewiesen, die besagt: Dieser Mann hat dem König
das Leben gerettet; gezeichnet, der König. Nur dass es hier, von wo ja immerhin
die Habsburger stammen, schon lange keine Könige mehr gibt. Und dass es sich
schlicht um einen falsch ausgefüllten Fahrschein handelt. Im herumliegenden
Umsonstblatt stellt man die Frage, ob Beni Turnheer, der eine große Nummer
im Schweizer Fernsehen zu sein scheint, zu seiner Jeannine stehen soll, er neunundfünfzig,
sie dreiundzwanzig Jahre alt. Alle Befragten antworten einhellig: na klar. Wo
die Liebe hinfällt. Der Altersunterschied sei bloß eine Zahl. Na, ihr
habt ja Humor.
Wie
die DDR in gut
Jüngst kursierte im Blog "Riesenmaschine"
die These, die Schweiz sei so etwas wie die DDR in gut. Das passt als Näherungsdefinition
ziemlich genau, zumal architektonisch. Chur etwa, wo man von den internationalen
Fernzügen in die schmalspurige Rhätische Bahn umzusteigen hat, welche
die Reisenden durch einen Märchenwald inklusive schneebedeckter Knusperhäuschen
ins Hochgebirge bringt, Chur also könnte man auf den ersten Blick für
den abgewrackten Außenbezirk einer sozialistischen Enklave halten: Sinnlos
verteilt aufragende Betonhochhäuser wirken wie traurig übrig gebliebene
Hauer eines infernalisch schlechten Gebisses. Auch Arosa leidet bis heute unter
der besinnungslosen Bauwut der sechziger Jahre. Einige der Hotels, vor denen Porsche
neben Porsche parkt (perfekte Hochgebirgsfahrzeuge offenbar), gingen locker als
unsanierte Plattenbauten durch.
Sehr viel Schnee sei gefallen in den vergangenen
Tagen, hieß es in der letzten Mitteilung des Touristenbüros vor der
Abreise. Schnee, Schnee in Massen, kolossal viel Schnee, monströs und maßlos,
läutet ein Glöckchen im Hinterkopf, ach was, Glöckchen, eine ausgewachsene
Glocke ist es, dick wie der Dicke Peter des Kölner Doms. Was soll man also
drum herumreden? Es lässt sich nicht übergehen, dass vor bald hundert
Jahren ein einfacher junger Mensch ebendiese Fahrt unternahm, die sich gehörig
auswuchs. Nicht zum Humorfestival freilich reiste er, aber dafür in doppelter
Gestalt: einmal in echter Person, zunächst als Besucher seiner kranken Frau,
später als Exilant, der sich hier endlich entschied, doch mit dem Wort gegen
die Nationalsozialisten zu kämpfen. Daneben kehrte er hier - oder beinahe
hier - als eine der bedeutendsten Romanfiguren des zwanzigsten Jahrhunderts ein.
Auch
Thomas Mann war schon hier
Von Arosa nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt
liegt Davos, wohin Thomas Mann seinen Hans Castorp bekanntlich schickt, auf Besuch
zunächst, aus dem dann eine Kur wird. Das, was noch heute jeder spürt,
der sich in die Arosa umgebenden Schneehänge begibt und die Trubelorte und
beheizpilzten Eisbars hinter sich lässt, wurde von Thomas Mann so treffend
erfasst, dass es nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt hat: Hier,
dem Himmel so nah, ist man plötzlich mit sich und den Elementen allein. Hier
zählt die technische Zurichtung der Welt wenig, überfällt einen
die große Stille, "eine wattierte Lautlosigkeit", "das Urschweigen".
Eine Welt ist es, auch das steht unnachahmlich im "Zauberberg", die
den Besucher auf eigene Rechnung empfängt, sein Eindringen duldet, aber auf
eine nicht geheure Weise. Gleichwohl kommt der Humor bei Thomas Mann keineswegs
zu kurz: Wie sich die Gäste des Berghofs über die Mätzchen des
Hochgebirgswinters erregen, mit wilder Abreise drohen, wenn es nicht bald blauen
Himmel setze, wie man sich mit der elektrischen Höhensonne behilft und die
Frauen wider besseres Wissen auf die angebrutzelte Erobererbräune der Sportsmänner
hereinfallen, das ist zum Schießen komisch und zugleich der Beginn des berühmten
Schneekapitels (es gab kolossal viel Schnee), in dem sich Hans Castorp schließlich
von der Selbstüberschätzung hinreißen lässt und als stümperhafter
Skifahrer in den Bergen verlorengeht. In einen Schneesturm gerät er, verliert
nicht nur Raum- und Zeitgefühl, sondern auch die Kontrolle über Gedanken
und Gefühle. Nur aus einer Laune heraus verwandelt die Natur ihn nicht in
einen Eiszapfen. Für Castorp gestaltet sich dies freilich als prometheische
Auflehnung gegen die verführerischen Todesmächte: In einer Aufwallung
von Lebensenergie verbietet er es sich, nachzugeben, sich "von blödsinnig
regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen".
Castorps
kecke Schlitterei
Auf den belebten, von zahlreichen Liften erschlossenen
Pisten wird sich jedoch kaum ein Gedanke mit derart Existentiellem beschäftigen.
Nichts scheint inmitten des wilden Treibens oder im Comedy-Zelt weiter weg zu
sein als religiöse Ehrfurcht vor der erhabenen Natur. Aber so war es bei
Castorp ja anfangs auch: Keck schlittert er umher, bis ihm aufgeht, dass im hexagonalen
Regelmaß der Tod lauert. Seltsamerweise erinnert heute überhaupt nichts
an Thomas Manns Aufenthalte im Luftkurort Arosa. Vielleicht würde ihm das
gefallen.
Steigt man auf der Mittelstation der Weisshorn-Bergbahn aus der
komfortablen Gondel aus, ist das neben der Tschuggenhütte errichtete Zirkuszelt
für achthundert Gäste noch nicht zu sehen. Der nach dem Weg gefragte
Bergbahnmitarbeiter ist hilfsbereit und wiederholt gut gelaunt seinen Hinweis
"?#§chh*$%". Während ich noch überlege, wo ich das schon
einmal gehört habe, nähert sich ein Komiker mit den Worten "Das
Humorfestival? Dort hinten", wobei er auf einen Berg am Horizont zeigt. Na,
ihr habt ja Humor.
Schlumpfhausen, bitte sehr
Viermal wurde
das Festival in diesem Jahr eröffnet: zweimal durch ein Spezialprogramm,
welches das Schweizer Fernsehen aufzeichnete, dann durch eine Abendveranstaltung
mit Richard Rogler und schließlich mit der Übergabe eines Ehrenpreises
an die Bundesrätin von Graubünden, Eveline Widmer-Schlumpf, Tochter
des ehemaligen Bundesrates Leon Schlumpf, welcher es gelang, die Schlumpfdynastie
gegen große Widerstände zu errichten. In Kurzform: Frau Widmer-Schlumpf
wurde am 12. Dezember 2007 gegen den Willen der eigenen Partei, der Schweizerischen
Volkspartei (SVP), zur Bundesrätin gewählt, nahm dann die Wahl auch
noch an statt für den offiziellen Kandidaten zurückzutreten. Die SVP
wollte nun Frau Widmer-Schlumpf aus der Partei ausschließen, bis sie bemerkte,
dass das rechtlich nicht möglich war. Daher schloss sie am 1. Juni dieses
Jahres, was dagegen möglich war, die gesamte SVP-Kantonalpartei aus, welche
sich darauf in "Bürgerlich-Demokratische Partei Graubünden"
umbenannte. Na, ihr habt ja Humor. Dafür, dass Frau Widmer-Schlumpf jenes
"Amt, das man sich selber geschaufelt hat, auch noch lächelnd"
ausübt, wurde sie nun mit der erstmals verliehenen Humorschaufel ausgezeichnet.
Die Schaufel selbst besteht aus Eis. Frank Baumann, der künstlerische Leiter
des Festivals, erklärte das, ohne mit der Wimper zu zucken, so: "Man
kann sie zwar mit nach Hause nehmen, aber man hat nicht lange etwas davon."
Wohl wahr.
Queraussteiger aus dem Lehramtsstudium
Es folgte
der Auftritt des Duos Helge und das Udo, zwei blitzschnelle Improvisationskünstler,
die ein hohes Niveau vorlegten. Zotiger wurde es dann bei der selbsternannten
"Schwarotzki-Vase des Verlangens", Carmela De Feo, eine vorsätzlich
Lust und Lustigkeit verwechselnde Quatschtröte aus dem Ruhrgebiet. Um den
Mann ihrer Träume, vorzugsweise Rentner, anzulocken, habe sie schon einmal
"untenrum die Notbeleuchtung angeschaltet". Da vermisst man doch die
aufgetakelten Damen aus dem Hotel Berghof. Am Abend des ersten wirklichen Festivaltages
trat schließlich das Schweizer Duo Cabaret Divertimento vor ausverkauftem
und johlendem Zelt auf. Tatsächlich konnte man leicht vom Plastiksitz fallen,
wenn die beiden Queraussteiger aus dem Lehramtsstudium etwa unter Missachtung
aller politischen Korrektheit und doch ohne Arroganz als Weltmusikafrikaner auf
der Bühne herumfuhrwerkten. Dafür verzieh man manchen müden Witz:
"Lieber Schweißperlen als gar keinen Schmuck."
Auf
dem Weg zum Gipfel...
Was haben sie nun für einen Humor, die Schweizer?
Der Fahrer des Hotelshuttles weiß es auch nicht. Die Appenzeller sollen
Humor haben, sagt er. Die Berner eher nicht. Am nächsten Tag frage ich den
Gondolière, der mich abermals in die Berge bringt. Auch wenn sich das Wetter
stark verschlechtert hat, will ich diesmal bis zum Gipfel hinauf, dem Weisshorn,
2653 Meter hoch, Startpunkt der längsten Pisten. Comedy, sagt der Gondelführer,
das sei so beliebt wegen des Fernsehens. Ob er denn selbst schon bei einer Veranstaltung
war, will ich wissen. Ja, bei der Fernsehaufzeichnung.
Dann stehe ich auf
dem Gipfel, rechts und links sausen die Snowboarder davon. Um mich her: nichts.
Das Nichts. Alle Wanderwege sind heute geschlossen. Aber die Bahnstation, die
Schilder, das stört doch eigentümlich. Ein Teufel reitet mich, ich will
einen Moment, nur einen, im Nichts stehen - zu allen Seiten reines Weiß,
Schnee und nebelhafter Himmel, die ineinander übergehen. Es lässt sich
einrichten. So muss sich Castorp gefühlt haben, denke ich. Springe umher
im Nichts, sieht ja niemand. Als wäre ich in einem absurden Film gelandet,
in dem der Held im Himmel landet. Bis mir der Gedanke kommt: In welcher Richtung
liegt noch einmal die Station? Und wenn jetzt die Logik aussetzt? Das wäre
aber doch nun wirklich albern, denke ich: den "Zauberberg" nachspielen.
Und tatsächlich, das wäre zu albern: Die Fußspuren führen
mich zurück zur Weisshorn-Bahn.
...und wieder zurück
Und
da ist auch schon die nächste Gondel, ein Gruß aus der Zivilisation.
Der Fahrer erklärt mir beim Hinabschweben durch Nebelwände einigermaßen
stolz die Sicherheitssysteme der Anlage aus dem Jahr 1992, welche die Luftseilbahn
aus dem Jahre 1956 ersetzt hat: den Extramotor, das Extraseil für die Rettungsgondel,
die verschiedenen Abseilvorrichtungen. Ganz weit hinten ist schließlich
das Humorzelt im Flockengewimmel zu erkennen. Ein Witz ohne Pointe.
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